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Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Hausgrundrisse (3/5).

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Zahlreiche Häuser entdeckt
Innerhalb der Ausgrabungsfläche sind mehrere Hausgrundrisse erkennbar, die dicht nebeneinander liegen. Dabei handelt es sich um die für die Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) typischen Langhäuser mit einer Nordwest-Südost-Ausrichtung und einer Länge von 27 bis potentiell sogar 40 Metern. Leider ist keiner der dokumentierten Grundrisse vollständig erhalten, was auf Erosionsprozesse in den vergangenen 7000 Jahren zurückzuführen ist. Trotzdem stieß das Grabungsteam bei der Auswertung auf interessante Erkenntnisse.

Offenbar längerfristige Besiedlung
Anhand der Lage und Erhaltung der Befunde lässt sich ableiten, dass die Siedlung offenbar chronologisch von West nach Ost gewachsen ist. Im Westteil der Ausgrabungsfläche sind die Reste der Häuser relativ schlecht erhalten und es sind nur einzelne Bauelemente, wie Wandgräbenreste und Pfostenreihen erkennbar. Im Osten dagegen sind die Hausgrundrisse verhältnismäßig gut und vollständig rekonstruierbar. Insgesamt liegen die archäologischen Befunde der Häuser nur leicht versetzt zueinander und überschneiden sich teilweise sogar, was wiederum auf eine kontinuierliche oder zumindest mehrphasige Besiedlung des Areals hindeutet.

Ungewöhnliche Bauweise
Normalerweise sind für Häuser aus der Zeit der Linearbandkeramik sogenannte Längsgruben typisch, die direkt neben den Außenwänden zu finden sind. Diese Gruben dienten vermutlich der Materialentnahme für den Wandputz. Diese Gruben sind auf dem Ohrenberg in Marktbreit allerdings nicht eindeutig festzustellen. Eine vollständige Erosion dieser Gruben erscheint den Wissenschaftlern unwahrscheinlich, da im Vergleich alle anderen Befunde insgesamt gut erhalten sind. Eine ähnliche Situation konnte schon einmal bei einer Grabung in Buchbrunn, Landkreis Kitzingen beobachtet werden. Mit der jetzigen Entdeckung stellt sich nun die Frage, ob sich im Gebiet des südlichen Maindreiecks eine andere Bauweise bzw. Bautradition etabliert hat, die sich von allen anderen Siedlungen dieser Zeit unterscheidet. Auch könnte man überlegen, ob speziell die Bewohner des Marktbreiter Ohrenbergs aufgrund von Regenfällen und Feuchtigkeit eine andere Bauweise entwickeln mussten.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Nach der Vorstellung ausgewählter Funde, des Phänomens der Kolluvien und der besonderen Hausgrundrisse folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit Bestattungspraktiken und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie weiter gespannt…


Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Kolluvien (2/5).

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Besondere Situation vor Ort
Die Ausgrabungsfläche lag in einer nach Norden/Nordwesten abfallenden Hanglage knapp unterhalb der Bergkuppe des Ohrenbergs mit einem Geländeabfall von 3-4m. In genau dieser geografischen Situation gestaltete sich die Ausgrabung schwieriger, als dies in der Ebene für gewöhnlich der Fall wäre. Und das nicht aufgrund der unebenen Arbeitsfläche, sondern weil hier ein Phänomen besonders stark zum Tragen kam, welches gemeinhin als Kolluvien bezeichnet wird.

Das Phänomen der Kolluvien
Kolluvien, eine kurze Erklärung: Als Kolluvien werden Erdmassen beschrieben, die aufgrund unterschiedlicher Ereignisse, wie z.B. Erdrutsche, Starkregen oder Erosion einen Hang hinabgerutscht sind und sich dort in Senken ablagerten. Diese Erdmassen beinhalten dabei alle Bestandteile des zum Zeitpunkt des Abgehens vorhandenen Materials. Dies sind vor allem die Humusdecke und Teile des anstehenden Bodens, aber auch archäologische Strukturen wie die Verfüllungen von Gruben, Pfosten, Gräbchen und Bestattungen mitsamt den darin enthaltenen Funden. Einfach ausgedrückt: Die Funde auf die Archäologen in diesen Ablagerungen stoßen, gehören dort ursprünglich überhaupt nicht hin.
Bei der nun konkreten Ausgrabung am Hang des Ohrenbergs, wurden mehrere solcher Kolluvien festgestellt, die sich in drei breiten Erosionsrinnen abgelagert hatten. Aus diesen konnte das Grabungsteam zahlreiche Funde, insbesondere Keramik aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) bergen. Das Problem war allerdings, dass sich die Funde in solchen unterschiedlichen überlagerten Ablagerungen dabei nicht immer eindeutig trennen ließen. Auch Gruben- und Pfostenbefunde waren oft nur schwer zu erkennen.
Normalerweise gilt in der Archäologie eine Faustregel (vereinfacht ausgedrückt): Je tiefer man gräbt, desto älter werden die Funde. Beim Phänomen der Kolluvien wird diese Regel oft und im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt. Am Ohrenberg lagen beispielsweise 7000 Jahre alte Funde über neuzeitlichen und wurden vermutlich erst 1920 bei einem Starkregen und Hochwasser dorthin verfrachtet.
Natürlich ist es die Aufgabe von Archäologen dieses Phänomen zu erkennen und eben keine falschen Schlüsse daraus zu ziehen. Das machte jedoch die Arbeit nicht einfacher.

Positive Aspekte
Auf der anderen Seite bieten Kolluvien aber auch durchaus Vorteile. Speziell am Marktbreiter Ohrenberg ist eine Beobachtung interessant. Offensichtlich wurde eine ältere Siedlung am Berghang von einem Kolluvium überdeckt, welches irgendwann von weiter oben verschwemmt wurde. Einige Zeit später wurde darauf wieder eine Siedlung errichtet. Daraus können nun die Archäologen schließen, dass sich die Siedlung mindestens bis zur Bergkuppe ausgedehnt hat, ohne an diesem Ort überhaupt gegraben zu haben.
So können Kolluvien auch allgemein als Mittel verwendet werden, um unzugängliche Areale (z.B. aus Naturschutzgründen, wegen moderner Überbauung oder fehlenden Betretungsrechten) zumindest in Teilen indirekt archäologisch zu untersuchen.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Nach der Vorstellung ausgewählter Funde und des Phänomens der Kolluvien folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit bemerkenswerten Hausgrundrissen, Bestattungspraktiken und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie gespannt…


Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Die Funde (1/5)

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal.

Situation vor Ort
Die Ausgrabungsfläche lag auf dem südlich der Marktbreiter Altstadt liegenden Ohrenberg. Das Areal wurde bisher landwirtschaftlich genutzt und liegt in einer nach Norden/Nordwesten abfallenden Hanglage mit einem Geländeabfall von 5 bis 9,5m. Es war bereits ein eingetragenes Bodendenkmal aus der jüngeren Laténezeit (ca. 100 v.Chr.) bekannt. Außerdem wurde durch eine magnetometrische Prospektion 2017 und eine Teilausgrabung 2018 eine großflächige vorgeschichtliche Siedlung nachgewiesen. Deshalb hat die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Kitzingen und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege eine archäologische Ausgrabung zu Auflage gemacht, die dann von der Grabungsfirma IN TERRA VERITAS durchgeführt wurde.

Die archäologischen Funde
Wie zu erwarten, war das Fundmaterial sehr umfangreich und umfasste hauptsächlich Keramik, aber auch Steinartefakte, Tier- und Menschknochen, sowie Knochenartefakte aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik um 6000 bis 4000 v.Chr. Überwiegend wurden verzierte und unverzierte Keramikscherben von Gefäßen gefunden. Besonders herausragend sind dabei die menschlichen Darstellungen auf zwei Fragmenten. Eines ist eine große Randscherbe eines größeren Kumpfes (Gefäß), welche auffällig umfangreiche Verzierung auf der dunkelgrau-schwärzlichen Außenseite aufweist. Neben einer umlaufenden Ritzlinie als Randverzierung und einem dreilinigen Bogenband, ist außerdem eine stark stilisierte anthropomorphe Darstellung zu sehen. Sie zeigt einen Menschen mit erhobenen Armen bzw. in Adorantenhaltung (Anbetungshaltung). Der Stil dieser menschlichen Darstellung verweist auf die jüngere Flomborn-Phase. Zusammen mit den weiteren Ornamenten kann das Fundstück daher auf etwa 5300 - 5000 v.Chr. datiert werden.
Eine ähnliche menschliche Darstellung ist auf einer weiteren Gefäßscherbe erhalten. In diesem Fall wurde mit Wulsten eine menschliche Form plastisch appliziert. Diese Funde liefern einen anschaulichen Einblick in die Lebenswelt der ersten dauerhaften Bewohner des Maindreiecks.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Deshalb folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit bemerkenswerten Hausgrundrissen, Bestattungspraktiken, dem Phänomen der Kolluvien und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie gespannt!