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„Das perlt jetzt aber richtig!“

Lust auf einen erfrischenden Schluck Mineralwasser? Heutzutage kein Problem. Getränke- und Supermärkte führen ein schier unüberschaubares Angebot. Unterschiedlichste Quellen und Marken, von spritzig bis naturell, aus den französischen Alpen oder von hawaiianischen Vulkanen. Heute gehört mit Kohlensäure angereichertes Trinkwasser zu den normalsten, ja fast langweiligen Lebensmitteln, die aus allen Teilen der Welt stammen können. Wie war das wohl vor 300 Jahren? Welche Auswahl hatten die Menschen zu jener Zeit schon? Wasser trank man einfach aus dem Dorfbrunnen oder der nahegelegenen Quelle, so zumindest ein verbreitetes Bild aus unserer heutigen Sicht. Doch war das wirklich immer so?

Fund in Nürnberg/Wöhrd zeigt ein anderes Bild
Ein archäologischer Fund aus Nürnberg/Wöhrd zeigt, dass unsere Vorfahren bereits Dinge im alltäglichen Leben kannten, die die meisten nicht vermutet hätten. Ein Archäologenteam von IN TERRA VERITAS hat 2019 unter anderem eine Latrine im Nürnberger Stadtteil Wöhrd ausgegraben. Neben Porzellan und Kelchen kam bei der Ausgrabung auch eine Mineralwasserflasche aus Steinzeug (eine Keramikart) aus dem 18. Jahrhundert zum Vorschein. Der Fund ist eigentlich wenig beeindruckend und auch nicht selten, doch dafür ist die Geschichte, die dahintersteckt, umso interessanter.
Mineralwasser ist keine Erfindung unserer modernen Zeit. Bereits im 17. Jahrhundert wurden Wasserquellen erschlossen, deren natürlicher Kohlensäuregehalt überdurchschnittlich hoch war. Das Wasser dieser Mineralbrunnen wurde dann oft als Heilwasser für Trinkkuren abgefüllt und verkauft. Es handelte sich also weniger um ein Getränk, wie wir es heute nutzen, sondern mehr um eine Art Medizin – was natürlich auch förderlich für die Preisgestaltung der Brunnenbesitzer und der Händler (u.a. Apotheker, Ärzte und Gastwirte) war.

Wasser in Flaschen war schon vor 300 Jahren ein Geschäftsmodell
Zunächst erfolgte der Vertrieb dieses besonderen Wassers vor Ort an seiner Quelle, teilweise wurde es dabei auch in Fässern ausgegeben. Später wurden spezielle Flaschen aus Steinzeug produziert in denen das Heilwasser über weite Strecken transportiert und verkauft werden konnte. So konnten die Quellenbesitzer bereits damals überregional ihren Umsatz steigern. Es hatte auch nicht lange gedauert, bis die Landesherren ebenfalls großes Interesse an diesen Bodenschätzen entwickelten und sie wirtschaftlich nutzbar machen wollten. So gab es bereits ab der Mitte des 17. Jahrhunderts umfangreiche Rechtsordnungen was Abfüllung, Handel und Transport anging. Später folgten noch Regelungen zu den Markierungen der Flaschen.
Diese Regularien geben Archäologen heute die Möglichkeit solche Flaschen relativ genau datieren zu können. Die ältesten Gefäße aus dem 17. Jahrhundert sind noch eiförmig, im Lauf der Zeit wandeln sie sich zu zylindrischen Flaschen, die heute noch in ähnlicher Form u.a. von Schnapsbrennereien benutzt werden. Die in Wöhrd gefundene Mineralwasserflasche gehört einer Zwischenform an und wurde im 18. Jahrhundert verwendet.

Übrigens:
Bereits von Anfang an gab es beim Geschäft mit den Wasserflaschen ein Mehrwegsystem! Carl Güder zum Beispiel, ein Spezilitäten- und Glashändler in Bern, nahm die leeren Wasserflaschen wieder zurück.1 Ob er sie dann an den Mineralbrunnen zur Wiederbefüllung zurückschickte oder seine eigenen Produkte in den Flaschen abfüllte ist leider nicht überliefert.


Bildbeschreibungen:
Bild 1: Die in Nürnberg/Wöhrd gefundene Mineralwasserflasche aus dem 18. Jahrhundert.
Bild 2: Eines der ältesten Beispiele ist der Weinbrunnen in Schwalbach. Bereits 1631 wurde das Wasser in Steinzeugkrüge und Fässer abgefüllt und transportiert.2

Literatur:
1) Heege 2009: A. Heege, Steinzeug in der Schweiz (14.-20.Jh.), Bern 2009.
2) Brinkmann 2018: B.Brinkmann, Mineralwasserflaschen des 17. und frühen 18.Jahrhunderts. Bekannte und unbekannte Zeichen auf Steinzeugflaschen aus dieser Zeit, in: Nearchos Bd 23, Brixen 2018. Abb. 1.


Kindertod in Teuschnitz – Wie die Archäologie eine tragische Geschichte aufdeckt

Teuschnitz, eine Stadt in Oberfranken im 17. Jahrhundert. Der 30jährige Krieg ist gerade erst vorbei und die schrecklichen Erinnerungen an die plündernden und Brände legenden Armeen, die die kleine Stadt heimsuchten, stecken noch allgegenwärtig in den Knochen der Bewohner. Der Krieg hat viele Wunden hinterlassen und noch immer kämpfen sie in diesen schweren Zeiten mit Hunger und Armut. Dennoch blicken die Teuschnitzer optimistisch in die Zukunft. Endlich herrscht nach langer Zeit wieder Frieden und die meisten sind mit dem Wiederaufbau des zerstörten Ortes beschäftigt. Doch eine Familie muss einen neuen schweren Schicksalsschlag erleben. Ihr kleines Kind bekam in dieser Hungersnot nicht genug zu essen. Trotz aller Bemühungen der Eltern war der kleine Körper einfach zu schwach, um die Strapazen zu überstehen. Es war nicht einmal vier Jahre alt geworden, als es die Eltern nun auf dem Friedhof der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Grabe tragen. Sie legen noch einen Rosenkranz und eine mit Glasperlen geschmückte Totenkrone bei, bevor der Sarg verschlossen wird und sie ihr geliebtes Kind der Ewigkeit übergeben.
Etwa 370 Jahre später. Das Umfeld der Pfarrkirche von Teuschnitz soll erneuert werden. Ein Team von Archäologen der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS begleitet fachkundig die Entfernung des modernen Pflasters und die darunter liegenden Schichten, bis sie auf die Überreste des alten Friedhofs stoßen. Die Anthropologin Beatrice Krooks erkennt sofort die Überbleibsel des Kindergrabes und übernimmt die behutsame Öffnung und Bergung. So war es ihr möglich, nach Jahrhunderten die tragische Geschichte des kleinen Kindes zu rekonstruieren, obwohl die Bedingungen gar nicht ideal waren. „Ganz offensichtlich wurde die Totenruhe des Kleinen schon einmal gestört“, stellt Krooks fest, „und das ziemlich unsanft.“ Vor einigen Jahren wurde dieser Bereich des Friedhofs gepflastert, um einen ordentlichen Zugang zur Aussegnungshalle anzulegen. Bei den damaligen Bauarbeiten mussten die Zähne einer Baggerschaufel das Grab durchfurcht haben und dabei die Gebeine des Kindes, sowie die Totenkrone und den Rosenkranz zerrissen haben. „Umso wichtiger ist es jetzt, die Knochen und Grabbeigaben vorsichtig und professionell zu bergen und zu analysieren,“ betont die Anthropologin, „so kann die Geschichte des Kindes nach vielen Jahrhunderten wieder bekannt werden.“

Archäologische Detektivarbeit – Die Rekonstruktion einer Schicksalsgeschichte
Bei der Freilegung der Bestattung stellten die Archäologen fest, dass das Kind in Rückenlage mit über dem Bauch gekreuzten Händen beerdigt wurde. In den Händen hatte es einen Rosenkranz aus schwarzen opaken Glasperlen und Knochenperlen gehalten, die auf einen dünnen Draht gezogen waren. Auf dem Kopf fanden sich die Reste einer Totenkrone, die durch Baggerarbeiten schwer beschädigt wurde. Die Beigabe eines solchen Kopfschmucks findet sich ab dem 17. Jahrhundert bis etwa in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts. Die aus Bronze- oder Silberdraht hergestellten Kronen oder Kränze wurden unverheiratet verstorbenen Menschen beider Geschlechter aufgesetzt und konnten aufwendig verziert sein. Im Fall des hier gefundenen Exemplars waren in der Krone facettiert geschliffene Glasperlen eingearbeitet. Anhand der aus der Grabgrube stammenden Keramikscherben kann die Bestattung in die Mitte bis zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert werden. Nachdem das Grab im Feld präpariert wurde, erfolgte die vollständige Dokumentation mittels Fotografie, Zeichnung und tachymetrischer Einmessung. Anschließend wurde das Skelett entnommen und im Labor der Grabungsfirma IN TERRA VERITAS in Bamberg gereinigt. Danach erfolgte die anthropologische Analyse, bei der festgestellt wurde, dass es sich um ein maximal vier Jahre altes Kind handelte, welches noch Milchzähne aufwies. Die dauerhaften Zähne waren jedoch schon größtenteils angelegt. An diesen zeigte sich, dass das Kind zu Lebzeiten einer längeren Hungerperiode ausgesetzt war, was offenbar zu einer allgemein schlechten körperlichen Entwicklung und eventuell auch zum Tod geführt hatte.

Weitere Erkenntnisse der Ausgrabung
Bei den archäologischen Arbeiten stießen die Wissenschaftler auf die etwa 1,2 Meter breiten Reste einer Sandsteinmauer, die sie zunächst irrtümlich für einen Teil der Stadtbefestigung hielten. Nach einem Hinweis aus der Teuschnitzer Bevölkerung wurde die Lage nochmals geprüft, wobei sich herausstellte, dass es sich um einen Teil der ehemaligen Friedhofsmauer handelte. Sie ist in mehreren Teilen vollständig durch moderne Leitungsgräben gestört. Aus denkmalrechtlichen Gründen wurde sie nur an der Oberfläche, nicht in der Seitenansicht untersucht, da die Erhaltung der Mauer im Boden gesichert bleiben soll. Insgesamt waren weite Teile der Ausgrabungsfläche auch wegen früherer Baumaßnahmen bereits stark geschädigt. Auch wegen der langen Nutzungszeit des Friedhofs hatten sich kaum mehr einzeln abgrenzbare Grabgruben erhalten. Die Erde war über die Jahrhunderte so oft für Gräber geöffnet und wieder verfüllt worden, dass man nur noch auf eine gleichmäßige Schicht gestoßen war. Diese war zwar mit zahlreichen Fragmenten von menschlichen Knochen durchsetzt, die aber keinen konkreten Bestattungen mehr zuzuordnen waren. Nur in kleinen Teilen der Fläche fanden sich noch drei teilweise intakte Grabgruben. Die eines Säuglings, der in Embryonalstellung bestattet wurde, eines 2-5 Jahre alten Kindes, welches offenbar an einer Gewebeerkrankung im Kopf verstorben war (so zeigen es die pathologischen Veränderungen an der Schädelinnenseite) und die des etwa vierjährigen Kindes, dessen Geschichte in Teilen nun wieder zum Leben erweckt werden konnte.


Bildbeschreibungen:
Bild 1: Ausgrabungsfläche an der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Teuschnitz mit Resten der ehemaligen Friedhofsmauer
Bild 2: Archäologische Ausgrabung an der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Teuschnitz, Landkreis Kronach, Oberfranken
Bild 3/4: Überreste der Gebeine des etwa 4-jährigen Kindes und der Totenkrone


Archäologische Ausgrabung kann die 1200 Jahre alte Geschichte Staffelsteins bestätigen

Im Zuge der Errichtung eines Appartementkomplexes in Bad Staffelstein (Landkreis Lichtenfels, Oberfranken) wurde Mitte 2017 eine archäologische Ausgrabung im Bereich der Angerstraße vorgenommen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS konnten dabei zahlreiche Keramikscherben bergen und Befunde wie Gruben, Pfosten und Herdstellen aus dem Frühmittelalter freilegen, was das angenommene Alter von Staffelstein bestätigt.

Auf der relativ kleinen Grabungsfläche, die naturgemäß auch nur einen kleinen Teil der Siedlungsgeschichte Staffelsteins abbilden kann, konnten dennoch Überreste aus mehreren Jahrhunderten freigelegt werden. Es wurden mehrere Gruben dokumentiert, die Anzeichen von Hitzeeinwirkungen und Überreste von Kohle, Asche und Eisenschlacke aufwiesen. Vermutlich dienten sie einst zur Bearbeitung von Roherz. Weiterhin stießen die Archäologen auf Pfostenlöcher, die zu einem Haus (vermutlich Wohnhaus) aus dem 9. Jahrhundert gehörten. Darüber hinaus wurden zahlreiche Keramikscherben aus verschiedenen Jahrhunderten ausgegraben. Die ältesten Funde stammen aus der sogenannten Laténezeit (450 v.Chr. bis zum Jahr 0), bei denen es sich allerdings nur um wenige Reste handelt, die zu einer nicht mehr näher bestimmbaren und aufgegebenen Siedlung gehören. Der interessantere und größere Teil der gefundenen Keramik lässt sich zusammenfassend in die Zeit um das 7. bis 9. Jahrhundert datieren. Diese Funde stehen auch in einem direkten Zusammenhang mit den gleichalten Siedlungsüberresten, da sie in der gleichen stratigraphischen Schicht angetroffen wurden.

Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen dieser Ausgrabung war es möglich, die urkundliche Ersterwähnung Staffelsteins in der Zeit um das Jahr 800, die bisher nicht unumstritten war, erstmals archäologisch zu bestätigen.


Archäologische Ausgrabung bestätigt: Hirschaid ist wesentlich älter

Im Rahmen der Errichtung mehrerer Wohnungen in der Bamberger Straße in Hirschaid (Landkreis Bamberg / Oberfranken) wurde 2016 eine archäologische Untersuchung durchgeführt. Die nun vorliegenden Ergebnisse sind für die Ortsgeschichte des Marktes Hirschaid von besonderer Bedeutung, erweitern in Teilen aber auch die Geschichte Nordostbayerns.

Vermutlich etwa 400 Jahre älter
Hirschaid wurde erstmals 1079 in einer Urkunde König Heinrichs IV. schriftlich erwähnt, was im Allgemeinen auch als Gründungsjahr angesehen und gefeiert wird. Doch dass die ursprünglich als „Hirzheide“ bezeichnete Siedlung deutlich älter sein muss, lag auf der Hand und wurde nun auch archäologisch bestätigt. Neben Überresten von Häusern und Öfen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, stieß das Team aus Archäologen der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS bei ihren Arbeiten auf noch ältere Funde und Befunde, die Rückschlüsse auf eine wesentlich frühere Besiedlung zulassen. Einige Gruben und Keramikscherben konnten aufgrund ihrer Form, Verarbeitung und Lage in der Erdschicht eindeutig dem 7. Jahrhundert zugeordnet werden. Zahlreiche Vergleichsfunde im süddeutschen Raum bestätigen dies. Einer der deutlichsten und interessantesten Befunde sind die Überreste eines Schmelzofens zur metallurgischen Bearbeitung. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Glasperle entdeckt, wie sie regelmäßig in Gräbern des 6. und 7. Jahrhunderts zu finden sind. Zusammengenommen ist das der Nachweis, dass in Hirschaid bereits 400 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung gesiedelt wurde.

Kontinuierliche Besiedlung
In einigen früheren archäologischen Untersuchungen wurden noch ältere Siedlungsspuren auf dem Gebiet des Marktes Hirschaid entdeckt, zum Beispiel aus der sogenannten Späten Kaiserzeit im 4. Jahrhundert. Der essenzielle Unterschied zu den oben beschriebenen Entdeckungen liegt jedoch in der nachweisbaren Kontinuität der Besiedlung. Die noch älteren Siedlungsfunde haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nichts mit einer ursprünglichen Ortsgründung zu tun. Bei den Siedlungsspuren ab dem 7. Jahrhundert kann dagegen eine dauerhafte und durchgehende Nutzung nachgewiesen werden.

Exkurs: Laufhorizonte
Doch wie genau weist die Archäologie eine kontinuierliche Besiedlung nach, wie im Fall Hirschaid? Ein Beispiel ist der sogenannte „Laufhorizont“: Dabei handelt es sich um eine historische Oberfläche auf der sich Menschen in einem gewissen Zeitraum bewegten. Mittelalterliche Siedlungen haben selten befestigte Wege. Pflaster aus Stein oder Wege aus Holzbrettern finden sich nur selten. Die Menschen liefen zwischen ihren Häusern, Ställen und Werkstätten über den nackten Boden. Der normale Humus der Oberfläche wird dabei entweder abgetragen oder so sehr verdichtet, dass sich eine feste Fläche ergibt. Ähnliches kann man zum Beispiel bei heutigen Trampelpfaden erkennen, bei denen sich im Bereich des oft benutzten Weges die Oberfläche so verdichtet, dass kein Pflanzenbewuchs mehr entsteht. Dabei verlieren die Menschen die über diese Fläche laufen kleine Gegenstände wie Glasperlen, Spielsteine, kleine Werkzeuge oder anderes. Mitunter wird auch der Abfall direkt auf dieser Oberfläche entsorgt.
Im Fall der Grabung in Hirschaid fanden sich innerhalb des gleichen Laufhorizontes Keramikscherben des 7. Jahrhunderts (Spätmerowingerzeit) bis in die Zeit um 1000. So lässt sich belegen, dass die Menschen über Generationen und Jahrhunderte hinweg die gleiche Fläche kontinuierlich als Siedlung nutzten. Und das bedeutet, dass Hirschaid deutlich älter ist, als es die urkundliche Ersterwähnung von 1079 nahelegt.

Die Bedeutung dieser archäologischen Untersuchung und der Erkenntnisse daraus können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Funde aus der Merowingerzeit liegen im Umfeld Hirschaids nur in sehr geringer Anzahl vor, so dass mit den hier festgestellten Befunden selbst eine Forschungslücke geschlossen werden konnte.



Bildbeschreibungen:
Bild 1: Überreste des Schmelzofens aus der Spätmerowingerzeit, 7. Jahrhundert, Hirschaid
Bild 2: Rekonstruktion eines Lehmofens einschließlich Laufhorizont, wie er in Hirschaid ausgegraben wurde (hier in Geschichtspark Bärnau-Tachov)
Bild 3: Glasperle aus der Spätmerowingerzeit, 7. Jahrhundert, Hirschaid
Bild 4: Feuerungsanlage aus dem 9./10. Jahrhundert, Hirschaid


Antimakassar. Eine Geschichte der Begriffsherkunft und was dahintersteckt.

Vermutlich hat schon jeder in seinem Leben unzählige sogenannter Antimakassars gesehen, z.B. im Flugzeug, in manchen Zügen oder in Reisebussen. Doch viele werden mit dem Begriff vermutlich nichts anfangen können. Antimakassars sind die kleinen Stoffüberzüge bei gepolsterten Sitzen auf Kopfhöhe. Aber woher kommt der Name "Antimakassar"?

Geschichte und Begriffsherkunft
Antimakassars wurden im 19. Jahrhundert eingeführt, um zu verhindern, dass ein Sitz oder ein Sessel auf Kopfhöhe durch die Haare beschmutzt wurde. Ursächlich dafür war das zu dieser Zeit bereits weit verbreitete, beliebte und auch namensgebende Makassaröl. Dabei handelt es sich um ein Haarpflegemittel, das vor allem von Herren ähnlich wie heutiges Haargel für die tägliche Frisur verwendet wurde. Der Londoner Friseur Alexander Rowland (1747-1823) hat es 1783 erfunden und verkauft.
Makassaröl hat seinen Namen wiederum von der Hafenstadt Makassar in Holländisch-Indonesien. Von diesem Hafen aus wurden die unterschiedlichen Zutaten des Öls unter anderem nach England verschifft. Zum Großteil bestand es aus Palm- oder Kokosöl und wurde mit Duftstoffen und Ylang Ylang verfeinert.

Breites Marketing machte das Makassaröl weltweit bekannt
Für die damalige Zeit wurde das Produkt intensiv und teils aggressiv beworben. Als Werbebotschafter dienten unter anderen nicht Geringere als der Dichter Lord Byron, die Herzöge von York (Friedrich August von Hannover, *1763,+1827) und Sussex (Augustus Frederick von Hannover, *1773, +1843), aber auch Zar Nikolaus I. von Russland, sowie die Zarin Alexandra Fjodorowna. Die Werbung versprach unter anderem, dass das Produkt gegen dünner werdendes Haar und Haarausfall helfe, dass es grauen Haaren vorbeuge und die Kopfhaut mit Nährstoffen versorge. 1888 wurde „Macassar Oil“ von dem nunmehr unter dem Namen A. Rowland & Sons firmierendem Unternehmen als Handelsmarke eingetragen. Der Erfolg führte neben zahlreichen Nachahmerprodukten auch zu Produktpiraterie, gegen die Rowland mit umfangreichen Broschüren vorging. Das Mittel wurde von Beginn an in kleinen an Apothekergefäße erinnernde Fläschchen verkauft und zunächst europaweit, später auch weltweit exportiert. Die Flaschenform selbst ändert sich im Verlauf der über 170jährigen Firmengeschichte nur wenig, allerdings wurde die Beschriftung mit Firmen-, Produktnamen und Adressen, sowie die Produktionstechnik der Flaschen häufiger gewechselt. Makassaröl wurde bis in die 1950er Jahre vor allem in England gehandelt.

Archäologischer Fund in Nürnberg
Eine Flasche dieses Haarpflegemittels wurde von Archäologen der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS bei einer Ausgrabung in Nürnberg in einer Abfallgrube gefunden. Wie oben beschrieben, änderte sich die Produktionstechnik der Flaschen häufig, sodass hier eine eindeutige Datierung erfolgen konnte. Bei dem gefundenen Objekt weißt der Flaschenboden eine kleine Butze auf. Das heißt, dass die Flasche in eine Matrize geblasen und der am Bodenteil angebrachte Eisenhaken abgebrochen wurde, so dass eine Butze entstand. Diese Herstellungstechnik fand nur bis 1855 Anwendung und wurde dann durch das Pressglasverfahren abgelöst.

Rowlands Macassar Oil war für seine Zeit ein relativ kostspieliges Pflegeprodukt. Der Preis für die hier gefundene Flasche lag 1836 bei 3 Shilling und 6 Pence, was etwa 20 Prozent des Wocheneinkommens eines englischen Facharbeiters im gleichen Zeitraum entsprach. Bedenkt man, dass das Produkt wohl in Nürnberg gekauft wurde, dürfte der Preis sicher noch höher gelegen haben.


Bildbeschreibung:
Bild 1: Die in Nürnberg gefundene Flasche „Macassar Oil“, hergestellt bis 1855.
Bild 2: Flugzeugsitze bei denen die Kopflehnen mit Antimakassars bestückt sind – Quelle: © sattapapan tratong - stock.adobe.com