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Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Bestattungen (4/5).

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Auf unterschiedlichste Bestattungsbräuche gestoßen
Bei der Ausgrabung auf dem Ohrenberg sind insgesamt vier Gräber mit fünf Individuen zum Vorschein gekommen, die vermutlich aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) stammen. Es handelt sich dabei um ein fünf bis sieben Jahre altes Kind; um einen erwachsenen Menschen, dessen Knochen allerdings schlecht und unvollständig erhalten sind; um einen erwachsenen (vermutlich) Mann mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Körpergröße von mindestens 1,80 Meter; um eine 40-45 Jahre alten Frau, sowie um eine weitere nicht näher bestimmbare erwachsene Person.

Interessant ist, dass den vier Gräbern jeweils ein etwas anderer Bestattungsbrauch zugrunde liegt. So wurde die Frau mit der weiteren Person gemeinsam, in Hockerlage und sich gegenseitig anblickend in ein Grab gebettet. Dabei handelt es sich um einen rechteckigen, schachtartigen Grabbau, bei dem offensichtlich Eckpfosten eingebracht wurde. Ein solcher Grabbau ist für die Linearbandkeramik zwar in wenigen Einzelfällen überliefert, grundsätzlich und insbesondere für die Gegend aber relativ ungewöhnlich. Daher kann es auch sein, dass dieser Bau ursprünglich gar nicht als Grab gedacht war.
Bei einer weiteren Bestattung wurden die Gebeine eines Erwachsenen lediglich in einer ovalen Grube beerdigt. Das Grab sowie das darin gebettete Skelett wurde noch zur Zeit der Linearbandkeramik durch einen Hausbau teilweise zerstört, weshalb die Überreste heute unvollständig sind.
Der 1,80 Meter große Mann wurde ebenfalls nur in einer ovalen Grube bestattet, was für die Zeit eher typisch ist. Auffällig bei diesem Verstorbenen ist jedoch, dass der rechte Oberschenkelknochen fehlt. Eine vollständige natürliche Verwesung dieses einen Knochens ist aber auszuschließen. Was es genau damit auf sich hat, muss leider offenbleiben. Möglicherweise wurde der Leichnam unvollständig beerdigt, nachträglich umgebettet, der Knochen wurde durch Tiere verlagert oder es gab einen ganz anderen Grund.

Siedlungsbestattungen und Beigaben
Alle Gräber haben die Gemeinsamkeit, dass sie sich innerhalb der Siedlung befinden. Bis auf den erwähnten rechteckigen Grabbau liegen sie sogar innerhalb der rekonstruierten Hausgrundrisse. Da eine exakte Datierung aber schwierig ist, kann man nur spekulieren. Das Haus kann zufällig über ein älteres Grab gebaut worden sein, es ist aber auch denkbar, dass die Gräber bewusst im Innenraum eines Hauses angelegt worden sind.
Eindeutige Grabbeigaben konnten nur in einem Fall nachgewiesen werden. Bei dem nur unvollständig erhaltenen Erwachsenen wurde ein becherförmiges Gefäß und eine Art Flasche geborgen. Vermutlich wurde ihm auch Fleisch beigelegt, da Überreste von einem Schaf oder einer Ziege festgestellt werden konnten. Bei den anderen Verstorbenen wurden zwar verschiedenste Dinge gefunden, wie Pfeilspitzen, Werkzeuge, Keramikbruchstücke oder auch ein bogenförmiger Anhänger, eine Art Schmuckstück, jedoch kann archäologisch nicht nachgewiesen werden, ob es sich dabei um Grabbeigaben handelt oder sie sich nur zufällig in der Verfüllung befanden.

Datierung bisher nicht eindeutig
Da noch keine detailierten anthropologischen Untersuchungen der Knochen durchgeführt werden konnten, stützt sich die Altersbestimmung der Gräber bisher ausschließlich auf die Grabbeigaben. Da dies jedoch nur bei einer Bestattung der Fall ist, kann auch nur diese eindeutig in die Zeit der Linearbandkeramik um 5000 v.Chr. verortet werden. In allen anderen Gräbern wurden zwar, wie oben bereits erwähnt, linearbandkeramische Fragmente und Keramikbruchstücke gefunden, was aber nicht zwingend auf das Alter schließen lässt. Die Gräber können theoretisch wesentlich jünger sein und nur die Verfüllung beinhaltete bereits Jahrtausende ältere Überreste.
Zudem ist gerade der rechteckige Grabbau für die Zeit der Linearbandkeramik eigentlich untypisch, ebenso die Ost-West-Ausrichtung der Toten. Auch der darin gefundene bogenförmige Anhänger, gefertigt aus Muschelschale und mit einer Bohrung zur Aufhängung wirft einige Fragen auf. Die Form und Verzierung sprechen eigentlich eher für die jüngere Glockenbecherzeit (2600 – 2200 v.Chr.), wobei das Material wiederum eher für die Zeit um 5000 v.Chr. spricht. Die weitere wissenschaftliche Auswertung bleibt in diesem Fall also noch spannend.

Zusammenfassend lässt sich aber jetzt schon sagen, dass die freigelegten Gräber in Marktbreit ein gutes Beispiel dafür sind, wie unterschiedlich die Bräuche bei Bestattungen in der Zeit der Linearbandkeramik waren. Auch die Tatsache, dass sich die Gräber innerhalb der Siedlung befanden und eben nicht auf separaten Friedhöfen bzw. Gräberfeldern, wurde in der Wissenschaft lange Zeit als ungewöhnlich angesehen. Dabei wurde in Nordbayern bisher noch kein einziges Gräberfeld entdeckt, sondern eben nur Siedlungsbestattungen. Der Ohrenberg in Marktbreit reiht sich hier ein.


Kleinkindbestattungen von St. Martin in Eggolsheim

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit einem Thema, das für viele Leserinnen und Leser sicherlich nicht das angenehmste ist: Verstorbene Säuglinge. Aus archäologischer Sicht jedoch haben die Ergebnisse einer Ausgrabung von Kindergräbern an der Pfarrkirche St. Martin in Eggolsheim (Landkreis Forchheim, Oberfranken) interessante Erkenntnisse ans Licht gebracht.
Bereits in einem früheren Beitrag zu den Sanierungsarbeiten im Umfeld von St. Martin in Eggolsheim wurde von der Entdeckung einer bisher unbekannten Bauphase in der Geschichte der Kirche berichtet. Das Archäologenteam der Grabungsfirma IN TERRA VERITAS hat in diesem Zusammenhang nicht nur Teile der Gemäuer eines Vorgängerbaus gefunden, sondern ist dabei auch auf viele Bestattungen von Säuglingen gestoßen, die aus der Zeit zwischen der Mitte des 14. Jahrhunderts und 1634 stammen.

Ungetaufte Kinder kamen in die Vorhölle und damit auch nicht auf den Friedhof
"Es mag heute befremdlich erscheinen, dass man früh verstorbene Kinder bei ihrer Bestattung nicht besser behandelte als Aussätzige, doch galten beim Tod von Kleinkindern schon in der Antike besondere Vorschriften (...). Die Altersgrenze, die man für die Sonderbehandlung von verstorbenen Kindern zog, war durch den ersten Zahn bestimmt. In christlichen Zeiten wurde dieses körperliche Merkmal durch den Akt der Taufe ersetzt."1
Kinder, die vor der Taufe verstorben waren, konnten nach christlich-katholischem Glauben niemals das Paradies erlangen. Die Seelen dieser Säuglinge, die ohne eigenes Verschulden vom ewigen Leben im Himmel ausgeschlossen waren, gelangten demnach nur in den limbus puerorum, der sogenannten Vorhölle. Nach dem Rationale divinorum officiorum des Bischof Durandus von Mende (verstorben 1296), mussten sie deshalb außerhalb des Friedhofs bestattet werden.

Eggolsheimer widersetzten sich der Kirche
Diese kirchliche Anweisung wurde jedoch nicht überall stringent eingehalten. Teilweise wurden eigene Bereiche nördlich der Kirche für diese Bestattungen vorgehalten oder man setzte die Kleinkinder in der Nähe der Friedhofsmauer oder auf der Grenze des Friedhofs bei. Eine weitere häufig angewandte Variante war die Beerdigung in der Nähe der Kirchenmauern unterhalb der Dachtraufe. Der Gedanke dahinter war, dass das vom Kirchendach auf die Gräber tropfende Regenwasser – das Traufwasser – die toten Kinder gewissermaßen nachträglich taufte. Daher werden diese auch Traufkinder genannt.2
Im konkreten Fall der Pfarrkirche St. Martin in Eggolsheim konnte bei der Ausgrabung eine Zone festgestellt werden, die unmittelbar vor dem ehemaligen Chor im Osten der Kirche lag und somit in der Nähe des Altars. In mehreren kleinen und sich schneidenden Gruben waren dutzende Säuglinge und Kleinstkinder bestattet worden. Bei diesen waren allerdings keine Beigaben wie Totenkronen, Rosenkränze oder Kreuze vorhanden. Vielmehr scheint es, als ob diese Traufkinder ohne größeren Aufwand an einem zwar prominenten Platz, dafür aber ohne Särge oder Grabausstattungen beerdigt wurden.

Für viele mag diese Regelung aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen. Gerade deshalb sei hier noch ein interessanter Fakt erwähnt: Für die deutschen Diözesen wurde es erst 1972 erlaubt, ungetauft verstorbene Kinder regulär auf dem Friedhof beizusetzen.


1) Reiner Sörries: Ruhe sanft - Kulturgeschichte des Friedhofs, S.94f
2) Weitere Informationen zu Traufkindern: Petra Lindenhofer: “Traufkinder“ – Ein besonderer Umgang mit ungetauft verstorbenen Kindern in der Frühen Neuzeit

Bildbeschreibungen:
Bild 1: Bei diesen Gebeinen handelt es sich um ein Frühchen, das etwa im Alter von 30-34 Wochen verstorben ist.
Bild 2: Säugling, der im Alter von 4 Monaten (+/- 2 Monate) verstorben ist.


Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Hausgrundrisse (3/5).

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Zahlreiche Häuser entdeckt
Innerhalb der Ausgrabungsfläche sind mehrere Hausgrundrisse erkennbar, die dicht nebeneinander liegen. Dabei handelt es sich um die für die Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) typischen Langhäuser mit einer Nordwest-Südost-Ausrichtung und einer Länge von 27 bis potentiell sogar 40 Metern. Leider ist keiner der dokumentierten Grundrisse vollständig erhalten, was auf Erosionsprozesse in den vergangenen 7000 Jahren zurückzuführen ist. Trotzdem stieß das Grabungsteam bei der Auswertung auf interessante Erkenntnisse.

Offenbar längerfristige Besiedlung
Anhand der Lage und Erhaltung der Befunde lässt sich ableiten, dass die Siedlung offenbar chronologisch von West nach Ost gewachsen ist. Im Westteil der Ausgrabungsfläche sind die Reste der Häuser relativ schlecht erhalten und es sind nur einzelne Bauelemente, wie Wandgräbenreste und Pfostenreihen erkennbar. Im Osten dagegen sind die Hausgrundrisse verhältnismäßig gut und vollständig rekonstruierbar. Insgesamt liegen die archäologischen Befunde der Häuser nur leicht versetzt zueinander und überschneiden sich teilweise sogar, was wiederum auf eine kontinuierliche oder zumindest mehrphasige Besiedlung des Areals hindeutet.

Ungewöhnliche Bauweise
Normalerweise sind für Häuser aus der Zeit der Linearbandkeramik sogenannte Längsgruben typisch, die direkt neben den Außenwänden zu finden sind. Diese Gruben dienten vermutlich der Materialentnahme für den Wandputz. Diese Gruben sind auf dem Ohrenberg in Marktbreit allerdings nicht eindeutig festzustellen. Eine vollständige Erosion dieser Gruben erscheint den Wissenschaftlern unwahrscheinlich, da im Vergleich alle anderen Befunde insgesamt gut erhalten sind. Eine ähnliche Situation konnte schon einmal bei einer Grabung in Buchbrunn, Landkreis Kitzingen beobachtet werden. Mit der jetzigen Entdeckung stellt sich nun die Frage, ob sich im Gebiet des südlichen Maindreiecks eine andere Bauweise bzw. Bautradition etabliert hat, die sich von allen anderen Siedlungen dieser Zeit unterscheidet. Auch könnte man überlegen, ob speziell die Bewohner des Marktbreiter Ohrenbergs aufgrund von Regenfällen und Feuchtigkeit eine andere Bauweise entwickeln mussten.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Nach der Vorstellung ausgewählter Funde, des Phänomens der Kolluvien und der besonderen Hausgrundrisse folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit Bestattungspraktiken und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie weiter gespannt…


Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Kolluvien (2/5).

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Besondere Situation vor Ort
Die Ausgrabungsfläche lag in einer nach Norden/Nordwesten abfallenden Hanglage knapp unterhalb der Bergkuppe des Ohrenbergs mit einem Geländeabfall von 3-4m. In genau dieser geografischen Situation gestaltete sich die Ausgrabung schwieriger, als dies in der Ebene für gewöhnlich der Fall wäre. Und das nicht aufgrund der unebenen Arbeitsfläche, sondern weil hier ein Phänomen besonders stark zum Tragen kam, welches gemeinhin als Kolluvien bezeichnet wird.

Das Phänomen der Kolluvien
Kolluvien, eine kurze Erklärung: Als Kolluvien werden Erdmassen beschrieben, die aufgrund unterschiedlicher Ereignisse, wie z.B. Erdrutsche, Starkregen oder Erosion einen Hang hinabgerutscht sind und sich dort in Senken ablagerten. Diese Erdmassen beinhalten dabei alle Bestandteile des zum Zeitpunkt des Abgehens vorhandenen Materials. Dies sind vor allem die Humusdecke und Teile des anstehenden Bodens, aber auch archäologische Strukturen wie die Verfüllungen von Gruben, Pfosten, Gräbchen und Bestattungen mitsamt den darin enthaltenen Funden. Einfach ausgedrückt: Die Funde auf die Archäologen in diesen Ablagerungen stoßen, gehören dort ursprünglich überhaupt nicht hin.
Bei der nun konkreten Ausgrabung am Hang des Ohrenbergs, wurden mehrere solcher Kolluvien festgestellt, die sich in drei breiten Erosionsrinnen abgelagert hatten. Aus diesen konnte das Grabungsteam zahlreiche Funde, insbesondere Keramik aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) bergen. Das Problem war allerdings, dass sich die Funde in solchen unterschiedlichen überlagerten Ablagerungen dabei nicht immer eindeutig trennen ließen. Auch Gruben- und Pfostenbefunde waren oft nur schwer zu erkennen.
Normalerweise gilt in der Archäologie eine Faustregel (vereinfacht ausgedrückt): Je tiefer man gräbt, desto älter werden die Funde. Beim Phänomen der Kolluvien wird diese Regel oft und im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt. Am Ohrenberg lagen beispielsweise 7000 Jahre alte Funde über neuzeitlichen und wurden vermutlich erst 1920 bei einem Starkregen und Hochwasser dorthin verfrachtet.
Natürlich ist es die Aufgabe von Archäologen dieses Phänomen zu erkennen und eben keine falschen Schlüsse daraus zu ziehen. Das machte jedoch die Arbeit nicht einfacher.

Positive Aspekte
Auf der anderen Seite bieten Kolluvien aber auch durchaus Vorteile. Speziell am Marktbreiter Ohrenberg ist eine Beobachtung interessant. Offensichtlich wurde eine ältere Siedlung am Berghang von einem Kolluvium überdeckt, welches irgendwann von weiter oben verschwemmt wurde. Einige Zeit später wurde darauf wieder eine Siedlung errichtet. Daraus können nun die Archäologen schließen, dass sich die Siedlung mindestens bis zur Bergkuppe ausgedehnt hat, ohne an diesem Ort überhaupt gegraben zu haben.
So können Kolluvien auch allgemein als Mittel verwendet werden, um unzugängliche Areale (z.B. aus Naturschutzgründen, wegen moderner Überbauung oder fehlenden Betretungsrechten) zumindest in Teilen indirekt archäologisch zu untersuchen.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Nach der Vorstellung ausgewählter Funde und des Phänomens der Kolluvien folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit bemerkenswerten Hausgrundrissen, Bestattungspraktiken und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie gespannt…


Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Die Funde (1/5)

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal.

Situation vor Ort
Die Ausgrabungsfläche lag auf dem südlich der Marktbreiter Altstadt liegenden Ohrenberg. Das Areal wurde bisher landwirtschaftlich genutzt und liegt in einer nach Norden/Nordwesten abfallenden Hanglage mit einem Geländeabfall von 5 bis 9,5m. Es war bereits ein eingetragenes Bodendenkmal aus der jüngeren Laténezeit (ca. 100 v.Chr.) bekannt. Außerdem wurde durch eine magnetometrische Prospektion 2017 und eine Teilausgrabung 2018 eine großflächige vorgeschichtliche Siedlung nachgewiesen. Deshalb hat die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Kitzingen und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege eine archäologische Ausgrabung zu Auflage gemacht, die dann von der Grabungsfirma IN TERRA VERITAS durchgeführt wurde.

Die archäologischen Funde
Wie zu erwarten, war das Fundmaterial sehr umfangreich und umfasste hauptsächlich Keramik, aber auch Steinartefakte, Tier- und Menschknochen, sowie Knochenartefakte aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik um 6000 bis 4000 v.Chr. Überwiegend wurden verzierte und unverzierte Keramikscherben von Gefäßen gefunden. Besonders herausragend sind dabei die menschlichen Darstellungen auf zwei Fragmenten. Eines ist eine große Randscherbe eines größeren Kumpfes (Gefäß), welche auffällig umfangreiche Verzierung auf der dunkelgrau-schwärzlichen Außenseite aufweist. Neben einer umlaufenden Ritzlinie als Randverzierung und einem dreilinigen Bogenband, ist außerdem eine stark stilisierte anthropomorphe Darstellung zu sehen. Sie zeigt einen Menschen mit erhobenen Armen bzw. in Adorantenhaltung (Anbetungshaltung). Der Stil dieser menschlichen Darstellung verweist auf die jüngere Flomborn-Phase. Zusammen mit den weiteren Ornamenten kann das Fundstück daher auf etwa 5300 - 5000 v.Chr. datiert werden.
Eine ähnliche menschliche Darstellung ist auf einer weiteren Gefäßscherbe erhalten. In diesem Fall wurde mit Wulsten eine menschliche Form plastisch appliziert. Diese Funde liefern einen anschaulichen Einblick in die Lebenswelt der ersten dauerhaften Bewohner des Maindreiecks.

Die Ausgrabungskampagne am Marktbreiter Ohrenberg hatte umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert. Deshalb folgen hierzu noch weitere Artikel, die sich mit bemerkenswerten Hausgrundrissen, Bestattungspraktiken, dem Phänomen der Kolluvien und extremen Wetterbedingungen während der Grabung beschäftigen. Seien Sie gespannt!


Teile einer 3000 Jahre alten Keltensiedlung in Höchstadt ausgegraben

Im Zuge des Baus eines DHL Verteilerstützpunkts am Gewerbering in Höchstadt a. d. Aisch wurde Ende Juni / Anfang Juli 2020 ein ca. 800m2 großes Grundstück archäologisch ausgegraben. Die baubegleitenden Arbeiten erfolgten in enger Abstimmung mit den Baufirmen und wurden daher punktuell nach und nach durchgeführt, um zeitliche Verzögerungen der eigentlichen Bauarbeiten zu vermeiden.

Auch wenn bereits durch landwirtschaftliche Bodeneingriffe der letzten Jahrzehnte (z.B. durch Pflüge) ein Großteil der Befunde zerstört sind, so bieten die noch erhaltenen Reste dem Archäologenteam der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS interessante und aufschlussreiche Einblicke. Etwa ein Viertel der archäologischen Überbleibsel der Keltensiedlung waren in diesem Bereich noch erhalten. Diese bildeten auch nur einen Teil des sehr viel weitläufigeren Ortes aus der sog. Hallstattzeit (etwa 1000 v.Chr.) ab. Trotzdem ist diese Ausgrabung von enormer Bedeutung, da zuvor an anderen Stellen bereits großflächig ausgegraben wurde. Beispielsweise wurden beim Bau der Autobahn A3 zahlreiche Gräber aus dieser Zeit freigelegt und wissenschaftlich erforscht.

Die aktuelle Grabung ergänzt die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über dieses vorgeschichtliche Bodendenkmal. »Wir haben damit die sehr seltene Gelegenheit, eine vollständige Siedlung aus der Keltenzeit auszugraben«, betont Grabungsleiter Julian Decker, »so erhalten wir am Ende ein nahezu lückenloses Abbild des kompletten Lebens dieser vorgeschichtlichen Gesellschaft, vom Wohnen, Essen, Arbeiten, bis hin zur Bestattung«. Diese Ergebnisse bieten ein enormes Potential für die weitere wissenschaftliche Auswertung. Die Grabungsarbeiten wurden inzwischen abgeschlossen. Derzeit läuft die Erstauswertung.


Bad Windsheim, Heilig-Geist-Spital:
Ein Beispiel unnötiger Zerstörung historischen Kulturgutes in den 1970er Jahren

Für die Erweiterung des Heilig-Geist-Spitals in Bad Windsheim, Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim (Mittelfranken) wurde eine archäologische Ausgrabung im ehemaligen Gartenbereich des seit 1317 bestehenden Spitals nötig.

Ein Abriss in den 1970er Jahren zerstörte historische Spitalgebäude
Bereits beim Oberbodenabtrag wurde für die Archäologen ein enormer Zerstörungsgrad durch einen unkontrollierten Eingriff deutlich. Das Gelände war bis in die 1970er Jahre mit Scheunen und Nebengebäuden des Spitals aus dem 16. bis 18. Jahrhundert bebaut. Doch dann wurden für den Neubau eines Feuerwehrgebäudes sämtliche historischen Gebäude ohne archäologische Begleitung abgebrochen. Für die Maschinenhalle wurden Punktfundamentgruben ausgehoben, die den teilweise noch erhaltenen Gipsplattenboden großflächig zerstörten. Im Rahmen der weiteren Ausgrabung zeigte sich dann, dass dadurch auch der sehr imposante Weinkeller des Spitals bis weit unterhalb des ehemaligen Fußbodens zerstört wurde. Ein Beleg übrigens, dass der Abbruch eindeutig der 1970er Jahre zugeordnet werden kann: In den Baugruben fanden sich unter anderem eine Krawatte, sowie eine Herrensocke (Größe 43).

Nur Teilrekonstruktion möglich
Trotz der großflächigen Zerstörungen hatten sich noch einige Details erhalten, wodurch zumindest eine Teilrekonstruktion der ehemaligen Anlage möglich wurde:
Der Kellerraum wurde aus einer vertikalen Mauer gebildet, welche aus in Mörtel gesetzten Gipssteinplatten und -quadern bestand. Bis zur Kämpferhöhe war sie ca. 1,1m hoch. Die Mauerbreite liegt ebenfalls bei ca. 1,1m. Auf der Mauer aufsitzend befindet sich der noch in Teilen erhaltene Tonnengewölbeansatz. Dieser ist aus kleinteiligen Gipssteinblöcken errichtet, die ohne durchgängigen Verband in reichlich Mörtel gesetzt sind. Hier ist die Ansichtsseite deutlich qualitätvoller gearbeitet, als die zur Baugrube hin gelegene Seite. An der Innenseite der Konstruktion aus vertikaler Mauer und Tonnengewölbe fand sich der noch bis knapp über den Kämpfer erhaltene Rest einer als Gurtbogen gestalteten Säule. Diese war in ihrem vertikalen Teil aus Gipssteinquadern errichtet, die Bogensegmentsteine bestanden aus Sandstein.
Auf dem Grund der Anlage konnten noch Teile des erhaltenen Pflasterbodens des Kellers freigelegt und dokumentiert werden. Der aus ca. 1 x 1m großen und ca. 10cm starken Gipssteinplatten in Lehm gesetzte Pflasterboden war in weiten Teilen durch den Abbruch der Scheunen und die Einbringung von Punktfundamenten gestört. Die ehemalige Funktion des Komplexes ist zumindest für das 18. Jahrhundert klar überliefert. In der Darstellung des J.A. Delsenbach von 1731 werden die Gebäude als „Heu- und Getreidescheuern darunter liegend der Weinkeller“ benannt.
Aufgrund der Größe des Gebäudes und der qualitätvollen Ausführung, vor allem der des Gurtbogens, scheint eine Nutzung als repräsentativer Lagerraum für den Wein des Spitals bereits beim Bau angedacht gewesen zu sein. Die Errichtung des Gebäudes ist zum einen durch die aus den Fugen des Gewölbeansatzes geborgenen Funde in die Mitte bis zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts archäologisch möglich, zum anderen findet sich in der Windsheimer Stadtchronik für das Jahr 1579 die Erwähnung der Errichtung einer Spitalscheune. Ob es sich dabei um die gleichen Gebäude handelt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die Überlappung der Datierungen lässt diesen Schluss jedoch mit einiger Sicherheit zu.

Historische Bausubstanz für immer verloren
Wären bei den Abbrucharbeiten 1972/74 bereits Archäologen oder Bauforscher vor Ort gewesen (das Bayerische Denkmalschutzgesetz war damals schon in Kraft!), hätte der Abbruch dieser renaissancezeitlichen Anlage eventuell verhindert werden können. Das anschließend errichtete Feuerwehrgebäude wurde 2017 abgebrochen, so dass nun hier eine Baulücke vorliegt, in der vorher ein eindrucksvolles Ensemble der reichsstädtischen Zeit Bad Windsheims stand.


Bisher unbekannte Bauphase der Pfarrkirche St. Martin in Eggolsheim entdeckt

Ein Archäologenteam der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS hat im Zuge der geplanten Umgestaltung des Kirchenumfelds der Pfarrkirche St. Martin in Eggolsheim, Landkreis Forchheim (Oberfranken) eine archäologische Sondierung bzw. Prospektion des Untergrunds durchgeführt. Die Ausgrabung konzentrierte sich zunächst darauf festzustellen, ab welcher Tiefe mit archäologischen Funden zu rechnen ist.

Bei den insgesamt sieben Sondagen wurden zahlreiche umgelagerte Skelettteile gefunden, sowie mehrere Bestattungen des 17. bis 19. Jahrhunderts. In den Gräbern fand man religiöse Beigaben wie Rosenkränze, Pilgerabzeichen und Anhänger mit religiösen Sprüchen.

Die Experten haben darüber hinaus jedoch noch eine neue Entdeckung bzgl. der Pfarrkirche selbst gemacht. Bisher war bekannt, dass das heutige Kirchengebäude auf einen Neubau der Jahre zwischen 1827 und 1830 zurückgeht. Der Vorgängerbau wurde 1305 errichtet und danach mehrfach umgebaut. Bei der archäologischen Ausgrabung konnte eine weitere, bisher nicht bekannte Bauphase um 1634 nachgewiesen werden. Die Auswertung dieser neuen Erkenntnis läuft derzeit noch. Eine kleine Publikation zu den Ergebnissen ist in Planung.


Archäologische Ausgrabung in der Innenstadt Forchheim

Bei der archäologischen Ausgrabung in der Innenstadt von Forchheim (Oberfranken) wurden im Hinterhof und Innenraum von drei Häusern mehrere Schnitte geöffnet. Die Eigentümer planen, neben der Sanierung der bestehenden Gebäude, einen Neubau im Hinterhof zu errichten. Daher wurde lediglich an den Stellen sondiert, an denen später Fundamente eingebracht werden sollen.
Das Archäologenteam von IN TERRA VERITAS stieß dabei auf Hausstrukturen des späten Mittelalters. Unter anderem fand sich ein verfüllter Brunnen aus aufeinander gesetzten Holzfässern, ein zur jetzigen Straße hin gelegener Keller, sowie Gerberbecken und eine mit Rampe versehene eingetiefte Struktur, die vorläufig als Räucherkammer der ehemals vorhandenen Metzgerei des 18./19.Jahrhunderts angesprochen wird. Insgesamt konnten fünf einzelne Bebauungsphasen festgestellt werden, die die kontinuierliche Nutzung des Areals, sowie den Wechsel der vor Ort tätigen Handwerke nachvollziehbar machen.

„In nachmittelalterlichen keramischen Fundkomplexen werden neben den mehr oder minder gewohnten alltäglichen Gebrauchsgeschirren gelegentlich Gegenstände beobachtet, die sich in Ausformung und manchmal unbekannter Funktion von der Fundmasse deutlich abheben. Wegen dieser relativen Seltenheit sind sie teilweise nur schwer einzuordnen und zu bewerten, entsprechende Vergleichsstücke sind ad hoc meist nicht bekannt.“1 Aus einer Planierung stammt eine bichrom glasierte Hohlfigur eines Vogels mit trichterförmigem Standfuß. Auffällig sind die beiden Öffnungen an Kopf und Schwanz, die offenbar für die Verwendung des Figürchens essentiell sind. Vergleichsstücke finden sich tatsächlich nur in sehr geringem Umfang und mit meist unklarer chronologischer Ansprache. W. Endres führt in seiner Analyse 18 Objekte auf, welche in die Mitte des 16.Jh. datieren2. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass ähnliche Figuren einen sehr langen Herstellungszeitraum aufweisen (ältester bekannter Fund 3300 v.Chr./Ägypten; jüngster Fund 20.Jh./Frankreich). So kann hier lediglich über materielle Methoden eine Eingrenzung der Datierung erfolgen. Analog zur Verwendung bichromer Glasuren bei Klein- und Sonderformen in Südostdeutschland wird hier deshalb eine Datierung in die Zeit um 1500 bzw. die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts vorgeschlagen. Diese Datierung würde sich auch mit der relativen Chronologie der umliegenden Befunde decken.

Aus dem Fundgut der Verfüllung des Fassbrunnens stammen zahlreiche Glasfragmente. Im Folgenden sollen einige der Funde kurz vorgestellt und datiert werden. „Der im engeren Sinn als Kuttrolf bezeichnete Gefäßtypus ist aus grünem Waldglas. In Entsprechung zur Rippenflasche hat er in der Regel ebenfalls eine meist schalenförmige Mündung, aber ohne Fadenauflage, der Bauch trägt eine ausgeprägte optische Längsrippenmusterung. Während andernorts auch Vertreter mit mehr-röhrigem Hals auftreten, kommt in Amberg und der Auergasse 10 in Regensburg nur die einröhrige Form vor.“3 R. Hannig erarbeitet für die Hohlgläser Nordostbayerns über die Kombination von publizierten Gefäßen, Bildquellen, Reliquienbehältern, archäologischen Funden allgemein, sowie über die stratigraphische Einbindung der nordostbayerischen Funde selbst eine Verwendungszeit dieser Flaschen von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis um 1600.
Ein weiteres Flaschenfragment konnte dem Typ der Ballonflasche (vgl. Abb. Hohlglas Nr. 4) zugeordnet werden. Diese „Kugelförmigen gibt es in weitaus größeren Formaten. (…) Die Ballonflasche zählt zu den typischen Gebrauchsformen für Vorratshaltung und Lagerung im Keller. Sie ist fester Bestandteil im Privathaushalt, gehört aber auch nicht minder zum Arsenal von Medizin und Alchemie.“4 Auf Basis der oben beschriebenen verschränkenden Kombination erarbeitet Hannig eine Verwendungszeit dieser Flaschen von um 1400 bis in das frühe 18. Jahrhundert.
Zu den Trinkgefäßen ist auch das Bodenfragment eines Krautstrunks zu zählen (vgl. Abb. Hohlglas Nr. 5). „Becher mit im Durchschnitt 1,7 x 1,9cm bis 2,1 x 2,7cm und mit noch größeren, den Gefäßkörper beinahe ganz bedeckenden Nuppen werden unter dem Begriff „Krautstrunk“ geführt. Die Bezeichnung Krautstrunk rührt von der unverkennbaren Ähnlichkeit der breiten Glasnuppen auf den Bechern mit ihrer nach oben ausgezogenen Spitze mit den Blattansätzen eines entblätterten Kohlstrunks her. Der Name tauchte 1562 in der Bergpredigt des Wittenberger Pfarrers Mathesius auf uns muss zu dieser Zeit also bereits fest eingebürgert gewesen sein.“5 Die Varianten mit glattem Standring datieren hier etwas jünger als die mit gezwicktem Rand. Hannig eruiert für die jüngere Variante eine Verwendungszeit von um 1500 bis um 1600.



1) W. Endres, Zu einigen vogelgestaltigen Keramikformen des 16.Jahrhunderts, in: VHVO Bd. 121, Regensburg 1981, S.475-487, 475.
2) ders. 480.
3) R. Hannig, Glaschronologie Nordostbayerns vom 14. bis zum frühen 17.Jahrhundert, in: Monographien der Archäologischen Staatssammlung Bd. 3, Remshalden 2009, 100.
4) dies. 104.
5) dies. 87.