Archäologische Ausgrabung am Ohrenberg in Marktbreit: Bestattungen (4/5)

Im Auftrag der Stadt Marktbreit, Landkreis Kitzingen (Unterfranken) hat die Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS von April bis August 2019 auf dem Ohrenberg in Marktbreit einen archäologischen Oberbodenabtrag mit direkt angeschlossener Ausgrabung und Dokumentation der aufgedeckten Befunde durchgeführt. Das ausgegrabene Areal sollte als Wohngebiet ausgewiesen werden und enthielt in Teilen bereits ein bekanntes und eingetragenes Bodendenkmal. Deshalb war die Grabung eine denkmalschutzbehördliche Auflage.

Auf unterschiedlichste Bestattungsbräuche gestoßen

Bei der Ausgrabung auf dem Ohrenberg sind insgesamt vier Gräber mit fünf Individuen zum Vorschein gekommen, die vermutlich aus der Zeit der sog. Linearbandkeramik (6000 – 4000 v.Chr.) stammen. Es handelt sich dabei um ein fünf bis sieben Jahre altes Kind; um einen erwachsenen Menschen, dessen Knochen allerdings schlecht und unvollständig erhalten sind; um einen erwachsenen (vermutlich) Mann mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Körpergröße von mindestens 1,80 Meter; um eine 40-45 Jahre alten Frau, sowie um eine weitere nicht näher bestimmbare erwachsene Person.

Interessant ist, dass den vier Gräbern jeweils ein etwas anderer Bestattungsbrauch zugrunde liegt. So wurde die Frau mit der weiteren Person gemeinsam, in Hockerlage und sich gegenseitig anblickend in ein Grab gebettet. Dabei handelt es sich um einen rechteckigen, schachtartigen Grabbau, bei dem offensichtlich Eckpfosten eingebracht wurde. Ein solcher Grabbau ist für die Linearbandkeramik zwar in wenigen Einzelfällen überliefert, grundsätzlich und insbesondere für die Gegend aber relativ ungewöhnlich. Daher kann es auch sein, dass dieser Bau ursprünglich gar nicht als Grab gedacht war.
Bei einer weiteren Bestattung wurden die Gebeine eines Erwachsenen lediglich in einer ovalen Grube beerdigt. Das Grab sowie das darin gebettete Skelett wurde noch zur Zeit der Linearbandkeramik durch einen Hausbau teilweise zerstört, weshalb die Überreste heute unvollständig sind.
Der 1,80 Meter große Mann wurde ebenfalls nur in einer ovalen Grube bestattet, was für die Zeit eher typisch ist. Auffällig bei diesem Verstorbenen ist jedoch, dass der rechte Oberschenkelknochen fehlt. Eine vollständige natürliche Verwesung dieses einen Knochens ist aber auszuschließen. Was es genau damit auf sich hat, muss leider offenbleiben. Möglicherweise wurde der Leichnam unvollständig beerdigt, nachträglich umgebettet, der Knochen wurde durch Tiere verlagert oder es gab einen ganz anderen Grund.

Siedlungsbestattungen und Beigaben

Alle Gräber haben die Gemeinsamkeit, dass sie sich innerhalb der Siedlung befinden. Bis auf den erwähnten rechteckigen Grabbau liegen sie sogar innerhalb der rekonstruierten Hausgrundrisse. Da eine exakte Datierung aber schwierig ist, kann man nur spekulieren. Das Haus kann zufällig über ein älteres Grab gebaut worden sein, es ist aber auch denkbar, dass die Gräber bewusst im Innenraum eines Hauses angelegt worden sind.
Eindeutige Grabbeigaben konnten nur in einem Fall nachgewiesen werden. Bei dem nur unvollständig erhaltenen Erwachsenen wurde ein becherförmiges Gefäß und eine Art Flasche geborgen. Vermutlich wurde ihm auch Fleisch beigelegt, da Überreste von einem Schaf oder einer Ziege festgestellt werden konnten. Bei den anderen Verstorbenen wurden zwar verschiedenste Dinge gefunden, wie Pfeilspitzen, Werkzeuge, Keramikbruchstücke oder auch ein bogenförmiger Anhänger, eine Art Schmuckstück, jedoch kann archäologisch nicht nachgewiesen werden, ob es sich dabei um Grabbeigaben handelt oder sie sich nur zufällig in der Verfüllung befanden.

Datierung bisher nicht eindeutig

Da noch keine detailierten anthropologischen Untersuchungen der Knochen durchgeführt werden konnten, stützt sich die Altersbestimmung der Gräber bisher ausschließlich auf die Grabbeigaben. Da dies jedoch nur bei einer Bestattung der Fall ist, kann auch nur diese eindeutig in die Zeit der Linearbandkeramik um 5000 v.Chr. verortet werden. In allen anderen Gräbern wurden zwar, wie oben bereits erwähnt, linearbandkeramische Fragmente und Keramikbruchstücke gefunden, was aber nicht zwingend auf das Alter schließen lässt. Die Gräber können theoretisch wesentlich jünger sein und nur die Verfüllung beinhaltete bereits Jahrtausende ältere Überreste.
Zudem ist gerade der rechteckige Grabbau für die Zeit der Linearbandkeramik eigentlich untypisch, ebenso die Ost-West-Ausrichtung der Toten. Auch der darin gefundene bogenförmige Anhänger, gefertigt aus Muschelschale und mit einer Bohrung zur Aufhängung wirft einige Fragen auf. Die Form und Verzierung sprechen eigentlich eher für die jüngere Glockenbecherzeit (2600 – 2200 v.Chr.), wobei das Material wiederum eher für die Zeit um 5000 v.Chr. spricht. Die weitere wissenschaftliche Auswertung bleibt in diesem Fall also noch spannend.

Zusammenfassend lässt sich aber jetzt schon sagen, dass die freigelegten Gräber in Marktbreit ein gutes Beispiel dafür sind, wie unterschiedlich die Bräuche bei Bestattungen in der Zeit der Linearbandkeramik waren. Auch die Tatsache, dass sich die Gräber innerhalb der Siedlung befanden und eben nicht auf separaten Friedhöfen bzw. Gräberfeldern, wurde in der Wissenschaft lange Zeit als ungewöhnlich angesehen. Dabei wurde in Nordbayern bisher noch kein einziges Gräberfeld entdeckt, sondern eben nur Siedlungsbestattungen. Der Ohrenberg in Marktbreit reiht sich hier ein.


Doppelbestattung in einem rechteckigen Grabbau
Grab eines 5-7 Jahre alten Kindes
Grab einer erwachsenen Person (vermutlich Mann) mit ungewöhnlicher Körpergröße von mindestens 1,80 Meter
Grab mit Beigaben aus der Zeit der Linearbandkeramik
Bogenförmiger Anhänger mit Bohrung zur Aufhängung aus Muschelschale

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