Wie ein Betrüger heute der Archäologie helfen kann

In der Geschichte des Markgrafentums Bayreuth tummeln sich immer wieder zwielichtige Gestalten, die versucht haben auf Kosten der Bevölkerung oder des Markgrafen reich zu werden. Ein Beispiel von historischem Interesse ist der kuriose Aufstieg und Fall des vermeintlichen Alchemisten Cronemann. Ein weiterer Hochstapler im Markgrafentum Bayreuth war Samuel Kempe. Dieser hat mit seiner Betrugsmasche ganz aus Versehen für die heutige Archäologie eine perfekte Möglichkeit geschaffen, Töpferwaren aus Bayreuth extrem genau datieren zu können.
Als Kronprinz Georg Wilhelm von Bayreuth seine Planstadt St. Georgen errichtete, wollte er dort auch gehobenes Handwerk ansiedeln. Der finanzielle und prestigeträchtige Wert einer eigenen Porzellanmanufaktur, wie sie der Kurfürst von Sachsen und König von Polen August der Starke hatte, war auch für Georg Wilhelm Anreiz eine eigene zu errichten.

Eine zwielichtige Vorgeschichte
Dafür warb er den sächsischen Spezialisten Samuel Kempe an, der behauptete bei Böttger – dem Erfinder des europäischen Porzellans – gelernt zu haben. Kempe war 1660 oder 1661 in Freiberg in Sachsen geboren und hatte dort in einem Silberbergwerk gearbeitet. Als man ihm betrügerische Abrechnungen nachweisen konnte, musste er aus Freiberg fliehen. Sein Weg führte ihn über Hamburg nach Norwegen, wo er einige Zeit in den Bergwerken von Kongsberg bei Oslo unterkam. Hier kam er zur Überzeugung, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt worden wäre und kehrte schließlich nach Freiberg zurück, wo man ihn prompt für ein Jahr ins Gefängnis sperrte.
Nach seinen Angaben wurde er anschließend im Jahr 1703 als Gehilfe ins Porzellanlaboratorium von Johann Friedrich Böttger geschickt. Eine Aussage, die nicht stimmen kann, da Böttger erst 1706 mit seinen Experimenten begann. Offenbar hatte er dennoch mit Böttgers Werkstatt zu tun, denn 1708 versuchte er eines der ersten gelungenen Stücke Porzellans zu stehlen. Bei einem Kuraufenthalt 1713 setzte er sich nach Preußen ab und versuchte in Berlin, später in Plaue an der Havel, Bamberg, Nürnberg, Ansbach und Erlangen Investoren für eine von ihm zu leitende Porzellanfabrik zu finden. Als Beleg für sein Können führte er zwei von Böttger gestohlene Teekännchen an. Schließlich landete er im Juli 1715 in St. Georgen, um hier im Auftrag des Markgrafen Porzellan herzustellen.

Betrug des Markgrafen
Samuel Kempe hatte allerdings keine Ahnung wie man Porzellan herstellte. Er überzeugte den Markgrafen stattdessen lieber Fayence zu produzieren, eine andere Art Keramik, der man mittels einer Glasur den Anschein von Porzellan geben kann. Auch hier zeigte er kein besonderes Talent, was seine Mitarbeiter auch sehr schnell merkten. Vom ersten Brand im September 1715 an übernahmen seine Mitarbeiter mehr und mehr die eigentlichen Aufgaben, während Kempe sich darauf konzentrierte dem Markgrafen zu gefallen, um nicht entlassen zu werden. Am 23. November 1717 wurde Kempe der Boden in St. Georgen dann doch zu heiß und er versuchte zu fliehen. Er wurde von zwei Dragonern in Creußen verhaftet und nach Bayreuth zurückgebracht. Seine Befragung endete am 8. Dezember 1717 mit einem beinahe vollständigen Geständnis. Kempe wurden wegen Betruges und Hochstapelei in der Plassenburg inhaftiert. Was nach dem Gefängnisaufenthalt mit Kempe passierte, ob er überhaupt jemals entlassen wurde, ist heute unbekannt, da keine Gerichtsakten mehr vorhanden sind.

Ein Gewinn für die Archäologie
Aus heutiger Sicht hat die Hochstapelei und das Unvermögen des Samuel Kempe für die Neuzeitarchäologie allerdings Vorteile. Fayence hat normalerweise einen leicht rötlich-hellbraunen Bruch. Kempe verwendete für seine Erzeugnisse aber den falschen Ton, der diese Farbe beim Brand nicht annimmt. Also versuchte er sie zu imitieren, indem er Eisenoxid beimischte – mit mäßigem Erfolg.
Außerdem befahl er seinen Mitarbeiter die Henkel für die hergestellten Gefäße erst nach dem Durchtrocknen anzubringen. Eine sinnlose Anweisung, da hierdurch die Henkel beim Brand, spätestens aber beim ersten Benutzen abbrechen.
Aufgrund von falsch kontrollierter Luftzufuhr beim Brennen erhielten ganze Ofenladungen von Fayencen einen Überzug von schwarz glänzendem Kohlenmonoxidniederschlag. Dieser musste aufwendig abgeschliffen werden oder es führte auch dazu, dass die ganze Ladung entsorgt werden musste.
Die markgräfliche Fabrik lief so ineffizient, dass sie zu keinem Zeitpunkt auch nur in die Nähe einer Gewinnzone gelangte. Wegen der geringen Qualität von Kempes Fayence finden sich heute keine ganz erhaltenen Stücke mehr. Die wenigen, die den Brand überstanden, sind wohl relativ zügig nach dem Verkauf kaputt gegangen und entsorgt worden.

Frühe Fayencekanne aus der Markgräflichen Manufaktur – ohne Kempes "Mithilfe" entstanden (Entstehungszeitraum 1718-1728)
Wenn Archäologinnen und Archäologen also heute in einer Bayreuther oder St. Georgener Abfallgrube ein Stück Fayence finden, das eine ungewöhnliche Bruchfarbe aufweist, einen fehlerhaft angesetzten Henkel, Kohlenmonoxidniederschlag oder Spuren vom Schleifen der Oberfläche, kann dieses Stück eindeutig auf Kempes Tätigkeit in Bayreuth zurückgeführt werden. Damit kann der komplette Befund exakt in den Zeitraum von September 1715 bis November 1717 datiert werden. So kann sich die Wissenschaft heute beim Betrüger und Hochstapler Samuel Kempe für seine Hilfe bei der Altersbestimmung herzlich bedanken.

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