Die „Cowboys“ des Mittelalters treiben Rinderherden bis nach Nürnberg

»Unzählige verwilderte Rinder werden in der Steppe von Viehhirten zusammengetrieben. Über hunderte Kilometer treiben sie sie in gewaltigen Herden in die großen Städte nach Westen, um sie dort gewinnbringend zu verkaufen. Einige Großkaufleute, die diese Herdentriebe organisieren, machen dabei ein Vermögen.«
Diese Schilderung beschreibt keinen Aspekt der nordamerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern findet im mittelalterlichen Europa des 14. Jahrhunderts statt.

Bei unseren archäologischen Ausgrabungen stoßen wir immer wieder auf Tierknochen und Hörner, meistens von Schweinen, Schafen oder Ziegen, doch gerade in Städten auch immer wieder auf die Überreste von Rindern. Interessant ist, dass viele dieser Rinder gerade im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit überhaupt nicht aus der Region stammten.

Der Bedarf in Mitteleuropa war groß
Der Fleischbedarf größerer Städte wie Nürnberg oder Regensburg war enorm. So hoch, dass er vom direkten Umland nicht mehr gedeckt werden konnte. Dieser Umstand lag auch darin begründet, dass in Süddeutschland vor allem Getreide angebaut wurde und die hier gehaltenen Rinder deutlich kleiner waren als die heutigen. Bullen im Spätmittelalter hatten eine Widerristhöhe von etwa 100cm und ein Körpergewicht von gerade einmal 150-200kg. Im Vergleich dazu bringen heutige Simmentaler Bullen bei einer Widerristhöhe von bis zu 158cm ganze 1300kg auf die Waage. Auch wegen der allgemeinen Fleischknappheit begannen deshalb die großen Handelszentren wie Nürnberg, Regensburg und Frankfurt schon im frühen 14. Jahrhundert mit dem massenweisen Import von Rindern. Woher aber kamen diese Viehherden?

Die Lösung lag in der ungarischen Steppe
In den 1240er Jahren kam es durch den Mongolensturm in Ungarn zu einem deutlichen Bevölkerungsschwund, weshalb sich die Rinder dort unkontrolliert vermehren konnten und in der weiten ungarischen Steppe bald große Herden bildeten. Ein weiterer Vorteil war, dass es sich bei diesen sogenannten „Ungarischen Grauochsen" um eine Mischung aus den ursprünglich einheimischen Auerochsen und einer bereits im 10. Jahrhundert durch die Magyaren eingebrachten zentralasiatischen Rasse handelte. Diese ungarischen Rinder waren gegenüber den mitteleuropäischen wesentlich zäher, deutlich größer und waren so auch in der Lage Trecks von über 1000km zu überstehen und danach trotzdem noch genug Fleisch an sich zu haben, dass sich der Transport lohnte.

Ungarische Grauochsen (Quelle: Adobe Stock)

Viehtrieb war lukrativer Wirtschaftszweig
Diese wirtschaftliche Ressource hat sich die ungarische Bevölkerung zu Nutze gemacht. Die Tiere wurden zunächst in Pferchen untergebracht, um sie dann gegen Stoffe und andere Handelswaren süddeutscher Städte, vor allem Regensburg und Nürnberg zu tauschen.
Der Transport erfolgte dann in gewaltigen Herden. Etwa 200.000 Ochsen, Kühe und Jungtiere wurden von ungarischen Ochsentreibern (den „hajtó", woher vermutlich der Begriff „Heiducke" stammt) zusammengefasst und entlang der Donau nach Wien getrieben. Dort übernahmen dann österreichische und bayerische Viehhirten die Aufgabe, die bestellten Rinder bis zu ihrem Zielort zu bringen. Die Herde wurde auf dem Weg natürlich deutlich kleiner. Hunderte Tiere wurden unterwegs verkauft, als Zoll an den jeweiligen Landesherren abgetreten oder kamen bei Unfällen ums Leben. In Nürnberg beispielsweise kamen im 16. Jahrhundert aber noch immer etwa 70.000 Rinder pro Jahr an, womit der Bedarf der Stadt gedeckt war. Organisiert wurde das Unternehmen von Großkaufleuten. Im Fall von Nürnberg waren dies vor allem die Holzschuher und Thumer, die einen regen Handel mit Ungarn unterhielten und neben Rindern auch Metalle einführten.
Erst im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts wurde mit einer intensiveren Viehzucht in Süddeutschland der Fleischbedarf wieder vermehrt regional gedeckt. Dennoch wurden weiterhin Rinder über Österreich nach Deutschland eingeführt. Die Patrizier aus Nürnberg waren hierbei jedoch nicht mehr beteiligt.

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