Vom Vollbad mit Getränken bis zum Saunaaufguss und anderen Diensten - Ein mittelalterliches Badeerlebnis

»Kulmbach, ein Samstag im frühen 15. Jahrhundert. Die Bürger der Oberen Stadt machen sich in gemächlichen Schritten von ihren Häusern zum Oberen Badehaus auf, das zu Füßen der Burg liegt.« Es ist das Angesehenste von insgesamt drei solcher Einrichtungen in der Stadt und liegt auf dem Anwesen, das heute die Adresse Oberhacken 34 trägt.

Badehäuser gehören im Mittelalter in jedem größeren Dorf und in jeder Stadt zur Grundausstattung. Das Badehaus erfüllte nicht nur den Zweck der Körperhygiene, sondern war auch Treffpunkt zum Tratsch, für kleinere medizinische Behandlungen, für Rasur oder Haarschnitt. Archäologisch wurden bereits zahlreiche Badehäuser ausgegraben. Ein besonders gut erhaltenes Examplar fand sich zum Beispiel in der Nürnberger Irrerstraße. Oder in Trockau, Landkreis Bayreuth gab es 1472 zwei Badestuben. Wie häufig sich diese Anstalten fanden und wie wichtig sie für die Bevölkerung waren, kann man heute beispielsweise noch an dem verbreiteten Straßennamen "Badstraße" erkennen. In Badehäusern hatte man neben dem Baden auch die Möglichkeiten für kleinere medizinische Behandlungen. Es wurden Zähne gezogen, Aderlasse angewendet, Wunden versorgt und manchmal auch Tinkturen zubereitet.

Ein mittelalterliches Badeerlebnis
»Im Kulmbach des 15. Jahrhunderts betreten die Badegäste das Haus an der südlichen Traufseite und gehen über einen L-förmigen Flur zu den Umkleideräumen. Dort sind auch Bänke und Betten für das abschließende Ruhen nach dem Bad aufgebaut. Anschließend geht es zum so genannten Vorbad, wo die Gäste mit warmem Wasser überschüttet werde. Das Wasser kommt aus dem direkt daneben liegenden Heizraum, der auch den Saunabereich rauchfrei beheizt. Beim Vorbad werden die Badenden mit Birkenbüscheln geschlagen um die Durchblutung zu fördern – eine Tradition die sich heute noch in Finnland beim Saunagang erhalten hat. Nach dem Übergießen und der Birkenbüschelbehandlung erfolgt dann eine erste Reinigung mittels Lappen oder Schwämmen. Anschließend können die Badegäste direkt in die angrenzende Badestube gehen, wo sich große hölzerne Zuber befinden, in denen man entweder allein oder mit anderen ein Vollbad nehmen kann. Auch Essen und Getränke werden dabei gereicht. Oder aber man entscheidet sich für ein Schwitzbad, also einen Saunagang. Hier sind, wie auch heute noch üblich, hölzerne treppenartige Gestelle zum Sitzen oder Liegen aufgebaut. Im Unterschied zu heute werden auf den unteren Stufen Rasuren und Haarschnitte von Badknechten angeboten.

Um die hölzerne Decke des Gebäudes zu schützen, ist der Saunabereich mit einem Tonnengewölbe aus Stein abgegrenzt. Auch der Kessel für das warme Badewasser befindet sich in diesem Raum, der vom benachbarten Heizraum unterirdisch befeuert wird. Auf einer ebenfalls mit einem gemauerten Bogen überwölbten Heizkammer liegen größere Kiesel. Sind diese erst heiß genug, werden sie mit Wasser übergossen. Ein Saunaaufguss!

Nach einem solchen entspannenden und reinigendem Badeerlebnis kehren die Gäse in den Umkleide- und Ruheraum zurück, wo sie sich auf bequemen Liegen ausruhen und abkühlen lassen können.«

Vereinfachter Grundriss des Badehauses in Kulmbach
Schlagen mit Birkenbündel, Skizze von Albrecht Dürer, 1503

Mit steigenden Holzpreisen ab dem 16. Jahrhundert stiegen auch die Preise der Badehäuser. Auch richteten sich immer mehr wohlhabende Bürger eigene Bäder ein. So nahmen die wöchentlichen Badebesuche einer größeren Bürgerschaft kontinuierlich ab. Die meisten Badehäuser stellten ihren Betrieb bereits im 18. Jahrhundert ein, vereinzelte Einrichtungen konnten sich bis ins 19. Jahrhundert halten. Das Kulmbacher Badehaus schloss seine Pforten im Jahre 1806. Gegründet wurde es 1398.

Das Klischee mit der Prostitution
Immer wieder wird den Badehäusern nachgesagt, dass neben Bädern und medizinischen Behandlungen auch sexuelle Dienstleistungen angeboten wurden. Das ist nur teilweise wahr. Die meisten Badehäuser waren kirchlich und staatlich streng kontrollierte Betriebe. Das Gebot zur räumlichen oder zeitlichen Trennung der Badegäste nach Geschlecht und das Verbot von Prostitution findet sich in zahlreichen Vorschriften. Nichtsdestotrotz fanden sich natürlich auch hier geschäftstüchtige Bader die sich darüber hinwegsetzten oder solche Dienste zumindest nicht verhinderten. Diese dürften allerdings in der Minderheit gewesen sein. Gerade aber weil diese Dienstleistungen so frivol und sittenwidrig waren, wurden die betreffenden Häuser im Bewusstsein der Gesellschaft und von späteren Autoren so in den Vordergrund gehoben.

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