Das Vermächtnis der Totenasche. Was die Archäologie alles aus Graburnen lesen kann und wie es noch besser geht.

Bestattungen spielen bei archäologischen Ausgrabungen immer eine große Rolle. Doch welche Informationen können aus Graburnen gelesen werden, in denen lediglich Asche und verbrannte Fragmente zu finden sind? Die ehemalige IN TERRA VERITAS Anthropologin Beatrice Krooks hat hierzu einige Beispiele aufgeführt und darüber hinaus eine Idee entwickelt, wie man noch viel mehr herausfinden kann.

(Der Beitrag ist ein kurzer und vereinfachter Auszug aus Krooks Aufsatz „Verbrannt in Franken" von 2020)

Brandbestattungen sind bei Kulturen auf der ganzen Welt zu beobachten. In Franken beginnt das Phänomen ab der Bronzezeit und endet mit der vollständigen Übernahme der Körperbestattung spätestens im 8./9. Jahrhundert. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden hier bereits zahlreiche Urnen aus unterschiedlichen Epochen geborgen. Für Archäologen spielen menschliche Überreste immer eine wichtige Rolle, da sie wertvolle Informationen für das Verständnis des Zusammenlebens vergangener Gesellschaften bieten. Bei Skelettbestattungen können beispielsweise „Rituale" wie Zerstückelung oder absichtliches Exhumieren leicht erkannt werden. Aber was kann die Wissenschaft über Menschen lernen, wenn die Bestattung nur aus Asche und verbrannten Knochenfragmenten besteht?

Was uns Graburnen alles sagen können
Zunächst kann über die Gefäßform der Urne oder Überreste von Trachtbestandteilen, wie metallenem Schmuck das Alter der Bestattung bestimmt werden. Doch bei sorgfältiger Vorgehensweise stecken in Brandbestattungen noch viele weitere Informationen.
Die Lage von Knochenfragmenten innerhalb der Urne und in der Grabgrube erlauben zusätzlich zur Datierung Rückschlüsse auf die Bestattungssitten. Unterschiedliche Verbrennungsgrade an den Körperregionen deuten auf unterschiedliche Verbrennungszeiten oder Temperaturen bei der rituellen Verbrennung hin. Die Verfüllung selbst kann auch Informationen zur Behandlung der Knochen nach der Verbrennung geben. Die Quantität von Asche und Holzkohlestücken kann beispielsweise darauf deuten, dass die Knochen von den restlichen Teilen des Begräbnisfeuers getrennt worden sind.
Weiterhin kann auch festgestellt werden, ob der Verbrennungsplatz mehrmals verwendet wurde oder wie einheitlich in den verschiedenen Epochen die Rituale waren.

In einer Hinsicht sind Brandbestattungen für die Archäologie sogar wertvoller als Skelette:
Normale Knochen werden im Laufe der Zeit durch natürliche Bodenprozesse verändert und sind anfälliger für mechanische und chemische Einflüsse. Wird dagegen ein menschlicher Körper verbrannt, verändert sich die interne Struktur der Knochen (z.B. Kalzinierung). Diese erhalten sich wesentlich besser, was für die archäologische Auswertung von Vorteil ist.

Problem bisheriger Methoden
Viele Informationen, die in Graburnen stecken, können jedoch nur ausgewertet werden, wenn die archäologische Bergung vorsichtig, sorgfältig und auf die richtige Art und Weise erfolgt. In vielen Fällen wurden und werden in der Feldarchäologie (auch aus Kosten- und Zeitgründen) die Gefäße am Stück geborgen und anschließend der Leichenbrand entnommen. Dabei gehen leider einige wichtige der oben genannten Informationen verloren. Es gibt aber auch positive Beispiele. Bei einigen Grabungen wurden andere Techniken eingesetzt, wie z.B. Blockbergung und „Ausgrabung" der Urne im Labor oder eine engere Zusammenarbeit von Archäologie und Anthropologie bereits bei der Freilegung. So konnten bei diesen Ausgrabungen wesentlich mehr Erkenntnisse gewonnen werden.

Dokumentation einer Urnenbestattung im Planum in konventioneller Technik. Ausgrabung Großmehring.
Dokumentation einer Urnenbestattung im Profil in konventioneller Technik. Ausgrabung Großmehring. Bilderklärung: 1) Brandschüttung mit Leichenbrand neben der Urne / 2) Urne mit Leichenbrand und wenigen kalzinierten Resten / 3) Grabgrube

Der bessere Weg
Die ITV-Anthropologin Beatrice Krooks hat daher diese alternativen Techniken und Vorgehensweisen analysiert und auf deren Grundlage einen methodologischen Vorschlag für die Bergung hochsensibler Brandbestattungen erarbeitet. Hier vereinfacht dargestellt, schlägt sie unter anderem vor, den Befund bereits vor Ort mit Kleinbesteck Schicht für Schicht abzubauen und festgestellte Fragmente als Einzelfunde einzumessen und zu dokumentieren. Dabei entsteht ein dreidimensionales Bild des Urneninhalts, auf das z.B. bei der späteren anthropologischen Analyse der Knochenfragmente im Labor zurückgegriffen werden kann. So sind viele weitere Rückschlüsse möglich, die bei einer „konventionellen" Bergung zu diesem Zeitpunkt bereits unwiederbringlich verloren wären. Es kann zum Beispiel die Reihenfolge der Urnenbefüllung besser nachvollzogen werden. So werden Hinweise auf religiöse und rituelle Unterschiede von einem Gräberfeld zum anderen erst sichtbar. Natürlich ist diese Vorgehensweise mit etwas mehr Aufwand verbunden, doch im Vergleich zum Informationsgewinn über unsere Geschichte absolut vernachlässigbar.

CT-Scan von im Block geborgener Brandbestattung. (Pankowská et al. 2014: 226)
Planumszeichnung einer Graburne, die in Schichten ausgegraben wurde (Großkopf, B. Gramsch, A. 2007: 77)

Literatur:

Großkopf, B. Gramsch, A. 2007. Leichenbrand erzählt von Umgang mit den Toten- Die interdisziplinäre Rekonstruktion ritueller Handlungen am Beispiel eines Urnengräberfelds der Lausitzer Kultur. Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie 13, 2007. 71-80.

Pankowská, A. Průchová, E. Moník, M. Nováková, M. 2014. Taphonomy of cremation burials: excavation and deposition bias in bone preservation. Archäologische Arbeitsgemeinschaft Ostbayern /West- und Südböhmen / Oberösterreich, 23. Treffen, 2013. Red. Miloslav Chytráček, Heinz Gruber, Jan Michálek, Karl Schmotz, Ruth Sandner, Ondřej Chvojka, Stefan Traxler. 223-231.

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