Vom Ochsenkopf nach Chesapeake – Fränkische Perlen für die neue Welt

Im Boden Oberfrankens am Ochsenkopf findet sich ein etwa 7 km langer und nur 20 m breiter Streifen aus dem seltenen Gestein Proterobas, das es in ganz Zentraleuropa nur an dieser einen Stelle gibt. Bei Proterobas handelt es sich um feinkörniges subvulkanisches Material, das sich wie Glas schmelzen lässt und zu Knöpfen und Perlen verarbeitet wurde. Der Rohstoff aus dem schmalen Streifen zwischen Bischofsgrün und Fichtelberg wurde bereits seit dem 15. Jahrhundert abgebaut.

Bei einer archäologischen Ausgrabung in mehreren Teilkampagnen zwischen 2004 und 2006 wurde ein Kühlofen freigelegt, der zur Herstellung solcher Knöpfe benutzt wurde, wie die annähernd 100.000 vor Ort gefundenen Glasknöpfe nahelegen. Die Anlage besteht aus einem rechteckigen Fundament aus großen Basaltbrocken, auf den ein aus kleineren Steinen gemauerter bienenkorbförmiger Ofen errichtet wurde. In der Mitte fand sich eine Heizkammer, die mit dem Holz des umliegenden Waldes auf ca. 800°C aufgeheizt wurde. Hier wurden die Produkte nach ihrer Herstellung im deutlich heißeren Schmelzofen langsam heruntergekühlt, um eine Rissbildung durch den Temperaturschock nach dem Schmelzen zu verhindern.
Die Schmelzöfen selbst funktionierten in ähnlicher Weise, allerdings mit wesentlich höheren Temperaturen bis zu 1200°C. Hier wurden die Proterobasbröckchen in einem feuerfesten Gefäß geschmolzen. Die Arbeiter steckten dann vorbereitete Drahtschlingen an eiserne Stangen und tauchten sie in die geschmolzene Masse. Mit einer Drehbewegung wurde anschließend das an den Ösen haftende Schmelzgut zu einer halbkugelartigen Form gedreht. Eine andere Bearbeitung des Materials war nicht möglich. Proterobas lässt sich zwar relativ einfach schmelzen, jedoch nicht wie heiße Glasmasse blasen und so zu Hohlgefäßen formen.

Gut erhaltener Proterobasknopf aus dem 17. Jahrhundert, gefunden von IN TERRA VERITAS bei einer Ausgrabung im mittelfränkischen Schwabach
Schmelzofenfundament aus der Nähe von Fichtelberg (Quelle: Heidenreich 2006)
Wann genau die Knopfproduktion vor Ort begann ist noch unbekannt. Eventuell setzte sie bereits mit der verstärkten Verwendung als Perlen für Rosenkränze ab dem 12./13. Jahrhundert ein. Die erste Nennung einer Hütte zur Knopfherstellung findet sich erst 1450. Erst ab dem 16. Jahrhundert folgen zahlreiche Einträge von Knopfherstellern im Gebiet rund um den Ochsenkopf. Neben Knöpfen wurden nun auch ganze Colliers aus Glasperlen hergestellt. Die Produkte wurden über die bekannten lokalen Handelsplätze Nürnberg, Leipzig, Frankfurt und Hamburg in alle Welt verkauft. Knöpfe aus Proterobas finden sich auch in frühneuzeitlichen Gräbern in Wien und Moskau. Über die Häfen in Amsterdam und Hamburg gelangten sie sogar in die Karibik und in die ehemaligen englischen Kolonien in Virginia und Maryland. Die Knöpfe waren dort nicht nur bei den Kolonisten beliebt, sondern wurden auch als Handelswaren mit den lokalen Ureinwohnerstämmen verwendet, die sie selbst wiederum als Schmuck oder Trachtbestandteile verwendeten.

Noch im 20. Jahrhundert wurden die Knöpfe hergestellt, bevor diese alte Tradition durch billigere und haltbarere Produkte aus der Industrie endgültig verdrängt wurde.
Fundorte von "Bavarian Black Beads", also Proterobasknöpfen aus dem Fichtelgebirge aus dem 17. Jahrhundert (Quelle: Openstreetmap)

Bildnachweise:
A. Heidenreich: Der Kühlofen einer Glasmacherhütte am Ochsenkopf bei Fichtelberg, in ArchJB2006, S. 165-167.

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