Wer waren eigentlich die Kelten?

Bei archäologischen Ausgrabungen in Nordbayern kommen immer wieder die Hinterlassenschaften der Kelten zum Vorschein. Die Höhensiedlung auf dem Staffelberg bei Bad Staffelstein, wobei es sich wahrscheinlich um das schriftlich belegte Menosgada handelt, ist eine der bekanntesten keltischen Siedlungen in Franken. Das Interesse in der Öffentlichkeit zu diesem Thema ist immer enorm. Doch wer genau war dieses Volk, das wir heute gemeinhin als Kelten bezeichnen? Es gäbe viel darüber zu erzählen. Der folgende Beitrag fasst die wichtigsten Punkte zur Geschichte der Kelten zusammen.
Die Kelten dominieren die europäische Eisenzeit und breiten sich mit ihren Wanderungen von Spanien bis in die Türkei und von Italien bis nach Schottland aus. Sie waren Zeitgenossen von Pythagoras, Siddharta Gautama Buddha und Caesar. Sie waren Gast bei Alexander dem Großen, eroberten Rom und kämpften in Ägypten. Sie plünderten Delphi und überquerten den Hellespont. In der modernen Rezeption stehen sie für mächtige Männlichkeit, altes naturverbundenes Wissen und herausragende handwerkliche Technologien. Dass sie uns bis heute faszinieren, liegt sicherlich auch daran, dass es die erste Kultur Mitteleuropas ist, die schriftlich erwähnt und beschrieben wurde und für uns so greifbarer wird. Die anhaltende Faszination kommt nicht zuletzt auch aus der Forschungsgeschichte. Die Kelten – oder besser der Begriff der keltischen Kultur – wurde seit dem 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland und Frankreich für politische Zwecke genutzt. Als Archäologe stellt man im Gespräch immer wieder fest, dass die dadurch bedingten Vorstellungen noch heute vorhanden sind.
Schriftquellen
Die ältesten Erwähnungen, welche allerdings auch im Verdacht stehen nachträgliche Korrekturen zu sein, stammen aus der griechischen Antike. Sie weisen einen diffusen Keltenbegriff auf, der weder Territorium noch Sprache oder Kultur klar beschreibt. Sie stammen aus Seefahrerhandbüchern der Phönizier und Griechen, die die Zinnlagerstätten der Bretagne und Südenglands ansegelten. So übertrug sich der Begriff Kelten im Laufe der Zeit großflächig auf alles nördlich der Alpen. Er ist daher eher als Sammelbezeichnung verschiedener Stämme zu verstehen, wie sie um 400 v.Chr. über die Alpen zogen und weniger als Name eines bestimmten Volkes. Neben Hekataios aus Milet (540-475 v.Chr.) und Herodot (490/80-424 v.Chr.) berichtet auch Caesar in seinem Gallischen Krieg von ihnen. Er spricht von den Bewohnern Mittelgalliens, die „in ihrer eigenen Sprache Kelten heißen, aber von uns Gallier genannt werden". 400 Jahre nach Herodot findet sich hier also eine erste Vorstellung von den Kelten als lose Gruppierung mit großem Verbreitungsgebiet, die aber spezifisch genug ist, um von den angrenzenden Aquitani und Belgae abgegrenzt werden zu können.

Chronologie
Die Zeit der Kelten liegt in der mitteleuropäischen Eisenzeit, wobei die Entstehung der frühen Kelten wohl für die Hallstattzeit (ca. 800-450 v.Chr.) anzusetzen ist. Diese frühe Eisenzeit ist nach dem berühmten Fundort Hallstatt in Oberösterreich benannt, dessen Gräberfeld mit geschätzt 5000-6000 Bestattungen bereits seit dem 19. Jahrhundert untersucht wird. Hallstatt gelangte dank des dortigen Salzabbaus zu enormem Reichtum. Auf die Hallstattzeit folgt die Latènezeit (450-15 v.Chr.), die sich unter anderem durch einen neuen Formenkreis in der Keramik und dem Aufkommen eines neues Kunststils auszeichnet. Namensgebend für diesen Zeitraum ist der Fundort La Tène am Schweizer Neuenburger See. Hier befand sich ein Flussübergang, der wohl auch für die Zurschaustellung von Kriegstrophäen und Weihegaben genutzt wurde und 1857 auf dem Seegrund wiedergefunden wurden. Die Menschen dieser Epoche gelten klassischer Weise als Träger der keltischen Kultur. Sie endet mit der römischen Eroberung des Voralpenlandes im Zuge des Alpenfeldzugs.

Sowohl in der Latènezeit und insbesondere auch in der Hallstattzeit wird zwischen einem östlichen und einem westlichen Kulturkreis unterschieden. Der heutige Freistaat Bayern liegt dabei in beiden Fällen auf dem Grenzbereich oder besser gesagt im Kontaktbereich der beiden Kulturkreise. Je nach Lage der Ausgrabungen können sich dementsprechend unterschiedliche Fundbilder zeigen. So zählt zum Beispiel Unterfranken zum Westhallstattkreis während die Oberpfalz bereits dem Ostkreis angehört.

Siedlungswesen und Gräber
Vor den Kelten gab es die sogenannte Urnenfelderkultur. Um 800 v.Chr. war diese aufgrund einer Klimaverschlechterung gezwungen ihre zahlreichen Höhensiedlungen zu verlassen und sich in klimatisch günstigere Gegenden zurückzuziehen. So entstanden kleine regionale Gruppen mit unterschiedlichen Keramikzierstilen. Anhand dieser kann aber zugleich ein überregionaler Austausch nachgewiesen werden. Ein neuer, wichtiger Zentralort wird der Ipf bei Bopfingen auf der Schwäbischen Alb.
Die Eliten des 8. und 7. Jahrhunderts v.Chr. lebten wohl eher in Herrenhöfen, während im darauffolgenden 6. Jahrhundert v. Chr. wieder kleinere Höhenbefestigungen auftauchten. Die auf dem Marienberg bei Würzburg gefundene griechische Importkeramik sowie zahlreiche Großgrabhügel in der Umgebung zeugen zusammen mit der zugehörigen Talsiedlung von dem steigenden Einfluss des Ortes. Er wird deshalb auch als Fürstensitz des Westhallstattkreises im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. angesehen.
Im Verlauf des 5. Jahrhunderts v. Chr., also mit Entwicklung der Latènezeit, werden die Herrenhöfe wieder aufgegeben. Dagegen bleiben die Höhensiedlungen bestehen und zeigen sich besonders zahlreich in Franken. Hinzu kommen große, befestigte Zentralsiedlungen. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise die Ehrenbürg bei Forchheim („Walberla") zu sehen. Die Siedlung bestand als protourbanes Machtzentrum bis etwa 400 v. Chr., bis es vor dem Hintergrund der Keltenwanderungen wohl zu einem gewaltsamen Abbruch der Siedlungstätigkeit kam. Ein Ende dieser Siedlungskontinuität lässt sich nun in ganz Bayern verzeichnen. Auch in Nordbayern sind die Kenntnisse über Siedlungen dieser Zeit rar, da erst im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Wiederaufsiedlung von Süden her stattfindet.

Caesar erwähnt in seinem Gallischen Krieg drei Siedlungstypen, die sich auch alle in Bayern nachweisen lassen. Parallel zu den Viereckschanzen zu Beginn der Spätlatènezeit, entwickeln sich ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. die charakteristischen Oppida (befestigte Großsiedlungen). Zu dieser Zeit befindet sich auf dem Staffelberg bei Bad Staffelstein das Oppidum Menosgada, das erst in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts untergehen wird. Dazu kommen unbefestigte Großsiedlungen und im ländlichen Bereich finden sich im Umfeld der Oppida meist nur kurzlebige und kleine dorfartige Weiler und Einzelgehöfte.

Währenddessen ändert sich auch die Grabsitte. Während ältere Grabhügel zunächst teilweise noch genutzt werden, tritt im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. die Einzelbestattung im Flachgrab in den Vordergrund. Zur Spätlatènezeit hingegen dominieren Brandbestattungen.

Kelten, Römer, Germanen
Römer gegen Kelten, Gallier gegen Römer und Römer gegen Germanen. Während die Romanisierung in Gallien relativ schnell und reibungslos voranschreitet, zeigt Süddeutschland ein anderes Bild. Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. und besonders seit dem 2. Jahrhundert verstärkt sich der Einfluss der Latènekultur nördlich der Mittelgebirge. Die Germanen befinden sich nördlich des Thüringer Beckens. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr. sind hier vor allem zwei Regionen besiedelt: Mainfranken und das Alpenvorland. Während in der nördlichen Region wohl in mehreren Phasen Einwanderungen aus dem Thüringischen Becken stattfinden, kann zwischen Bodensee und Salzach nur ein schmaler Streifen genutztes Land nachvollzogen werden. Es gab zwischen Kelten und Germanen keine Kriege. Die Oppida-Gesellschaft zerbrach einfach langsam und so konnten die Römer hier wohl weit weniger auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen als dies beispielsweise in Gallien der Fall war. So konnte die keltische Kultur weniger integriert und damit auch weniger bewahrt werden. 15 v. Chr. endet die Latènezeit mit den römischen Alpenfeldzügen und die römische Kaiserzeit beginnt.

Literatur:

M. M. Grewenig (Hrsg.), Die Kelten. Druiden, Fürsten, Krieger. Das Leben der Kelten in der Eisenzeit vor 2500 Jahren. Ausstellungskatalog Völklinger Hütte (Völklingen 2010).

C. von Nicolai, Unruhige Zeiten. Alles wird anders. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landesmuseum Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), Die Welt der Kelten. Zentren der Macht. Kostbarkeiten der Kunst. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2012 (Ostfildern 2012), 254-257.

S. Rieckhoff, Zusammenprall der Kulturen? Kelten, Römer, Germanen. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landesmuseum Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), Die Welt der Kelten. Zentren der Macht. Kostbarkeiten der Kunst. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2012 (Ostfildern 2012), 434-443.

S. Rieckhoff, Spurensuche. Kelten oder was man darunter versteht. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landesmuseum Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), Die Welt der Kelten. Zentren der Macht. Kostbarkeiten der Kunst. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2012 (Ostfildern 2012),26-37.

M. Schußmann, Die armen Vettern im Osten. Bayern und Franken. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landesmuseum Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), Die Welt der Kelten. Zentren der Macht. Kostbarkeiten der Kunst. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2012 (Ostfildern 2012), 155-157.

M. Schußmann, Die Kelten in Bayern. Archäologie und Geschichte. Archäologie in Bayern (Regensburg 2019).

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