Das mittelalterliche Leben in Wirsberg war hart – Das zeigen die Ergebnisse von Knochenanalysen

Im Zuge der Renovierung der St. Johannis Kirche in Wirsberg (Landkreis Kulmbach, Oberfranken) wurde im Dezember 2020 ein Team von IN TERRA VERITAS beauftragt, einen Teil des alten Friedhofs vor der Kirche auszugraben. Dabei kamen Gräber aus dem 15. Jahrhundert zum Vorschein, die die Gelegenheit gaben, mehr über das Leben der früheren Bewohner Wirsbergs zu erfahren. Die anthropologischen Analysen werfen nun ein neues Licht auf die Menschen von St. Johannis. Das Leben in Wirsberg war vielleicht nicht immer so einfach.  

Die anthropologischen Analysen haben ergeben, dass mehrere Skelette pathologische Veränderungen aufweisen. Zu den häufigsten gehören sogenannte muskuloskelettale Stressmarker, auch Enthesopathien genannt. Diese Veränderungen sind für die Anthropologie sehr interessant, da sie wichtige Informationen über das Leben eines Menschen liefern können.

Erklärung: Muskuloskelettale Stressmarker (MSM) / Enthesopathien
Es handelt sich dabei um Störungen an Stellen an der Knochenoberfläche, an denen Muskeln ansetzen. Diese Bereiche sind normalerweise fein gezeichnet und weisen eine gewisse Rauheit auf. Ist jedoch eine ausgeprägtere Knochenaktivität in diesen Bereichen vorhanden, wird dies als pathologischer Zustand, also als muskuloskelettale Stressmarker betrachtet. Das Auftreten dieser Stressmarker kann osteogen sein, d.h. ausgeprägt robust und mit Knochenwachstum verbunden, oder osteolytisch, d.h. mit furchigen Verletzungen und Knochenabbau. Es kann auch eine Kombination aus beidem sein. Muskuloskelettale Stressmarker deuten entweder auf eine übermäßige Muskelbelastung oder auch auf Krankheit oder Trauma hin. Diese Veränderungen hängen auch mit dem Alter zusammen, da sie bei älteren Menschen häufiger vorkommen.

Rechter Oberarm einer erwachsenen Person mit osteolytischen Stressmarkern
Rechter Oberarm einer jugendlichen Person mit osteolytischen Stressmarkern
Rechter Oberarm einer erwachsenen Person mit osteogenen Stressmarkern

Die Knochenfunde von St. Johannis in Wirsberg
Bei St. Johannis stieß das Archäologenteam auf die Gebeine von vier Personen mit ähnlichen Störungen am rechten Oberarm. Dabei handelte es sich um drei Erwachsene und einen Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren. Die Veränderungen an den Oberarmen waren bei zwei Personen osteolytisch, einschließlich des Jugendlichen, und bei zwei osteogen. Eine der erwachsenen Personen mit osteogenen Stressmarkern wies deutliche Veränderungen an der Knochenoberfläche bis ins Schultergelenk auf.

Diese sehr ähnlichen Veränderungen könnten darauf hinweisen, dass die vier untersuchten Menschen aus Wirsberg ähnlich schwere Arbeiten verrichtet hatten. In der Regel ist der rechte Arm auch der am meisten beanspruchte Teil bei körperlicher Arbeit. Da eine der Personen bereits jung verstorben war, besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass die Knochenveränderungen durch eine Krankheit verursacht worden sind. So oder so kann anhand der anthropologischen Untersuchungsergebnisse eines gesagt werden: Das Leben in Wirsberg im 15. Jahrhundert war sicherlich nicht einfach.

Literatur:
Baxarias & Herrerin 2008 – The Handbook Atlas of Paleopathology
Carduso & Henderson 2010 - Enthesopathy Formation in the Humerus
Hawkey 1998 – Disability, compassion and the skeletal record; Using musculoskeletal stress markers (MSM) to construct an osteobiography from early New Mexico

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