Altersbestimmung von Holz: Ein Experte gibt einen interessanten Einblick in die Dendroarchäologie (Interview Teil 1)

Ende September stießen Mitarbeiter der Grabungsfirma ReVe, Büro für Archäologie in Forchheim auf die Reste der alten Stadtbefestigung. Wie Nordbayern.de bereits mehrmals berichtete (hier zum aktuellsten Artikel: Historische Stadtmauer in Forchheim: Ausgraben oder wieder vergraben?) erwartete das Archäologenteam zunächst auf die Fundamentkonstruktion aus Eichenholz zu stoßen, um so den Baubeginn der Stadtmauer durch die Holzaltersbestimmung (Dendrochronologie) auf das Jahr genau datieren zu können. Leider wurde inzwischen festgestellt, dass es dieses Fundament nicht gibt. Dennoch eine interessante Grabung mit interessanten Erkenntnissen, die uns dazu gebracht hat, einen kleinen Einblick in das Thema Dendrochronologie bzw. Dendroarchäologie zu geben.

Für das Magazin haben wir dazu Dr. Bernhard Muigg befragt. Einen routinierten Dendroarchäologen, der IN TERRA VERITAS in diesen Fragestellungen beratend zur Seite steht.

ITV: Wie funktioniert Dendrochronologie?
Muigg:
In Gebieten mit Jahreszeiten, wie wir sie in Europa haben bilden Bäume Jahrringe. Das heißt: Während der Vegetationsperiode im Sommer wächst der Baum mehr oder weniger kräftig in die Breite, im Herbst und Winter macht der Baum Pause. So entsteht eine sich deutlich abzeichnende Grenze zwischen zwei Jahrringen. Je günstiger die Wuchsbedingungen in einem Jahr sind, umso stärker kann der Baum zulegen. Bäume der gleichen Art und in derselben Region zeigen ähnliche Zuwachsmuster. Wenn also zum Beispiel in einem Gebiet fünf trockene Jahre mit wenig Sonne und fünf feuchte Jahre mit viel Sonne vorkommen, werden z.B. alle Eichen in diesem Gebiet fünf dicht aufeinander folgende Ringe und fünf breitere Ringe aufweisen. Die Ringe ergeben sozusagen einen Strichcode, den man auslesen kann.

ITV: Das heißt, das Alter wird über den Vergleich bestimmt?
Muigg: Ja, wenn wir nun zum Beispiel heute die Jahrringbreiten einer 500jährigen Eiche messen, können wir diesen Strichcode bis etwa ins Jahr 1500 zurückverfolgen. Dafür müssen wir übrigens den Baum nicht fällen, ein Anbohren genügt. Nehmen wir nun einen Eichenstamm, der aus einem Haus stammt, dass im Jahr 1580 gebaut wurde und vergleichen seine Jahrringe mit dem bekannten Muster, so stellen wir fest, dass die jüngsten Ringe des Stammes aus dem Haus mit den ältesten Ringen aus dem angebohrten Baum synchronisierbar sind. Damit ist das Fälldatum der im Haus verbauten Eiche bekannt. Und nicht nur das, wir können die noch älteren Ringe dieses Stammes nehmen, um den Strichcode weiter in die Vergangenheit zu verlängern. Diese Technik wird nun schon sehr lange angewandt, so dass sie auf einer sehr breiten Basis steht.

ITV: Wie lang reicht denn diese Strichcodelinie in die Vergangenheit zurück?
Muigg: Bei Eichen sind wir derzeit bei etwa 8200 v.Chr., und viel älter wird es wohl auch nicht mehr werden, da dies der Zeitraum ist, zu dem sich die Eichen nach der Eiszeit wieder in Mitteleuropa ausbreiten. Eichen sind auch deshalb so gut erforscht, weil sie über Jahrhunderte hinweg das beliebteste Bauholz waren und deshalb noch häufig z.B. in Gebäuden erhalten sind.

Im zweiten noch folgenden Teil des Interviews wird Dr. Muigg erklären, unter welchen Bedingungen sich Holz über Jahrtausende erhalten kann und so noch heute eine exakte Datierung möglich ist.



Dendroarchäologe Dr. Bernhard Muigg

Bildquelle: Amt für Archäologie Thurgau, www.archaeologie.tg.ch


Dendroarchäologe Dr. Bernhard Muigg

Bildquelle: Amt für Archäologie Thurgau, www.archaeologie.tg.ch 


Dendroarchäologe Dr. Bernhard Muigg

Bildquelle: Amt für Archäologie Thurgau, www.archaeologie.tg.ch 

Zur Person:
Dr. rer. nat. BA Mag. Bernhard Muigg M.A.
Dendrologe bei der Kantonsarchäologie Thurgau, Schweiz
Mitarbeiter der Universität Freiburg im Breisgau
Studium an den Universitäten Innsbruck, Bamberg und Freiburg
Laufbahn über das Dendrolabor des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in Thierhaupten, das Dendrolabor des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg in Hemmenhofen und den Lehrstuhl für Forstwissenschaften der Universität Freiburg. Nebenbei als freiberuflicher Dendrologe in der Schweiz, Frankreich, Österreich, Italien und Deutschland tätig.

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