CSI: Motzenhof - 1666

Motzenhof, 1666: Versteckt hinter Büschen und Bäumen setzt der Mann seine Flinte an, sein Opfer kann ihn weder sehen noch riechen. Der Schütze spannt den Hahn und drückt ab. Ein lauter Knall, das Opfer ist getroffen! Mit letzter Kraft versucht es zu entkommen und wird später einige Meter weiter nordöstlich gefunden – oder wurde es dorthin getragen?
Was der Schütze nicht weiß – vielleicht ist es ihm auch egal: es gibt Zeugen! Und dank dieser Zeugen wird der Markgraf von Bayreuth Christian Ernst Experten zum Tatort entsenden, um die wichtigste Frage zu klären:
Wurde jemand bestohlen?

Das Opfer war ein Hirsch, der sich auf einer Wiese zwischen dem Dorf Rappetenreuth und dem als Motzenhof bezeichneten Einödbauernhof befand als der Schuss fiel. Der Schütze hatte sich in einem Waldstück versteckt, dass auf dem Gebiet der Ritterschaft Guttenberg lag, der Hirsch aber befand sich jenseits der Grenze zum Markgrafentum Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth und war zu diesem Zeitpunkt offenbar Besitz des Markgrafen.

Die Zeugen waren Bauern aus dem nahe gelegenen Rappetenreuth und sagten später aus, dass der Hirsch auf markgräflichem Grund war, als der Schuss fiel. Der Hirsch wurde dann allerdings auf guttenbergischem Besitz gefunden. Ob er sich selbst dorthin geschleppt hatte, oder von dem guttenbergischen Jägern dorthin gebracht wurde war strittig. Die Bauern meinten Trampelspuren im Wiesengras gesehen zu haben, die darauf hinweisen, dass der Hirsch nicht selbstständig dorthin gelangt sein konnte.
Der Schütze wird später aussagen, dass dem nicht so war. Der Hirsch sei auf guttenberger Gebiet gewesen und auch dort verstorben, so dass hier kein Verstoß gegen den Wildbann des Markgrafen erfolgt sei.

Der Vorfall ereignete sich in einer angespannten Phase im Verhältnis zwischen der Ritterschaft von Guttenberg und dem Markgrafentum. Denn die Markgrafschaft versuchte seit längerem sich guttenberger Gebiet einzuverleiben. Ein Verstoß gegen das herrschaftliche Jagdrecht hätte dem Markgrafen in die Karten gespielt. Schließlich streiten sich die beiden Herrschaften seit 1495 zuerst kriegerisch, dann zwischen 1542 und 1660 gerichtlich. Mit diesem Verstoß hätte er neue Munition gegen die Ritter von Guttenberg in der Hand gehabt.
Zur Beweisaufnahme entsandte der Markgraf einen Vermessungsbeamten und einen Landschaftsmaler, die vor Ort die Grenzen der beiden Länder genauestens prüfen und dokumentieren sollten. Das Problem hierbei war allerdings, dass es ohne moderne Vermessungsmethoden keine eindeutigen Punkte und Linien gab, um hier die Grenze exakt festzulegen. Zudem gab es keine genauen Karten an denen man sich hätte orientieren können. Die Grenze wurde lediglich anhand markanter Punkte wie Felsvorsprünge oder großer Bäume und natürlich vorgegebenen Linien wie Flüssen oder Bergrücken beschrieben. Durch die Wiese auf der der Hirsch zum Zeitpunkt des Schusses stand verlief die Grenze zwischen beiden Territorien. Hier gab es kaum Anhaltspunkte an denen man sich hätte orientieren können. Gut möglich, dass der Schütze davon ausgegangen war, dass sich der Hirsch auf guttenbergischem Gebiet befand.
Zeichnung des markgräflichen Malers von 1666, 1: Weg nach Helmbrechts, 5: Standort des Schützen, 7: Standort des Hirschs, 8: Fundort des Hirschs (Quelle: HVO, Band 100, S. 82)
Mit einiger Mühe haben Edwin Greim et al. den Tatort und den Grenzverlauf 2018 und 2019 rekonstruieren können. Es scheint so, als ob der Verdacht des Markgrafen gerechtfertigt war: es handelte sich um einen markgräflichen Hirsch, der von einem guttenberger Schützen widerrechtlich erlegt wurde. Was aus dem Schützen, dem Hirsch und den anschließenden Verhandlungen wurde, ließ sich allerdings nicht mehr rekonstruieren. Bei den bekanntermaßen langen Rechtsstreiten der Guttenbergs und des Markgrafen, könnte es sich um ein noch laufendes Verfahren handeln.
Versuch die Inhalte der Zeichnung auf eine moderne Karte zu übertragen. (Microsoft product screen shot(s) reprinted with permission from Microsoft Corporation according to TOU 1.1 and 1.2)

Literatur:
E. Greim, Der Jagdzwischenfall im Kriegswald - Ein Beitrag zur Erforschung der Grenze zwischen dem Fürstentum Brandenburg-Kuilmbach-Bayreuth und der Ritterherrschaft Guttenberg, in HVO, Bd. 100, S. 77-84.

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