Antimakassar. Eine Geschichte der Begriffsherkunft und was dahintersteckt

Vermutlich hat schon jeder in seinem Leben unzählige sogenannter Antimakassars gesehen, z.B. im Flugzeug, in manchen Zügen oder in Reisebussen. Doch viele werden mit dem Begriff vermutlich nichts anfangen können. Antimakassars sind die kleinen Stoffüberzüge bei gepolsterten Sitzen auf Kopfhöhe. Aber woher kommt der Name "Antimakassar"?

Geschichte und Begriffsherkunft
Antimakassars wurden im 19. Jahrhundert eingeführt, um zu verhindern, dass ein Sitz oder ein Sessel auf Kopfhöhe durch die Haare beschmutzt wurde. Ursächlich dafür war das zu dieser Zeit bereits weit verbreitete, beliebte und auch namensgebende Makassaröl. Dabei handelt es sich um ein Haarpflegemittel, das vor allem von Herren ähnlich wie heutiges Haargel für die tägliche Frisur verwendet wurde. Der Londoner Friseur Alexander Rowland (1747-1823) hat es 1783 erfunden und verkauft.
Makassaröl hat seinen Namen wiederum von der Hafenstadt Makassar in Holländisch-Indonesien. Von diesem Hafen aus wurden die unterschiedlichen Zutaten des Öls unter anderem nach England verschifft. Zum Großteil bestand es aus Palm- oder Kokosöl und wurde mit Duftstoffen und Ylang Ylang verfeinert.

Breites Marketing machte das Makassaröl weltweit bekannt
Für die damalige Zeit wurde das Produkt intensiv und teils aggressiv beworben. Als Werbebotschafter dienten unter anderen nicht Geringere als der Dichter Lord Byron, die Herzöge von York (Friedrich August von Hannover, *1763,+1827) und Sussex (Augustus Frederick von Hannover, *1773, +1843), aber auch Zar Nikolaus I. von Russland, sowie die Zarin Alexandra Fjodorowna. Die Werbung versprach unter anderem, dass das Produkt gegen dünner werdendes Haar und Haarausfall helfe, dass es grauen Haaren vorbeuge und die Kopfhaut mit Nährstoffen versorge. 1888 wurde „Macassar Oil" von dem nunmehr unter dem Namen A. Rowland & Sons firmierendem Unternehmen als Handelsmarke eingetragen. Der Erfolg führte neben zahlreichen Nachahmerprodukten auch zu Produktpiraterie, gegen die Rowland mit umfangreichen Broschüren vorging. Das Mittel wurde von Beginn an in kleinen an Apothekergefäße erinnernde Fläschchen verkauft und zunächst europaweit, später auch weltweit exportiert. Die Flaschenform selbst ändert sich im Verlauf der über 170jährigen Firmengeschichte nur wenig, allerdings wurde die Beschriftung mit Firmen-, Produktnamen und Adressen, sowie die Produktionstechnik der Flaschen häufiger gewechselt. Makassaröl wurde bis in die 1950er Jahre vor allem in England gehandelt.

Archäologischer Fund in Nürnberg
Eine Flasche dieses Haarpflegemittels wurde von Archäologen der Bamberger Grabungsfirma IN TERRA VERITAS bei einer Ausgrabung in Nürnberg in einer Abfallgrube gefunden. Wie oben beschrieben, änderte sich die Produktionstechnik der Flaschen häufig, sodass hier eine eindeutige Datierung erfolgen konnte. Bei dem gefundenen Objekt weißt der Flaschenboden eine kleine Butze auf. Das heißt, dass die Flasche in eine Matrize geblasen und der am Bodenteil angebrachte Eisenhaken abgebrochen wurde, so dass eine Butze entstand. Diese Herstellungstechnik fand nur bis 1855 Anwendung und wurde dann durch das Pressglasverfahren abgelöst.

Rowlands Macassar Oil war für seine Zeit ein relativ kostspieliges Pflegeprodukt. Der Preis für die hier gefundene Flasche lag 1836 bei 3 Shilling und 6 Pence, was etwa 20 Prozent des Wocheneinkommens eines englischen Facharbeiters im gleichen Zeitraum entsprach. Bedenkt man, dass das Produkt wohl in Nürnberg gekauft wurde, dürfte der Preis sicher noch höher gelegen haben.

Die in Nürnberg gefundene Flasche „Macassar Oil“, hergestellt bis 1855
Flugzeugsitze bei denen die Kopflehnen mit Antimakassars bestückt sind – Quelle: © sattapapan tratong - stock.adobe.com

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