Eggolsheim im späten Mittelalter und früher Neuzeit: War es Selbstmord?

Eggolsheim in Oberfranken, irgendwann zwischen 1305 und 18271: Ein Mann Anfang 40 ist kaum mehr in der Lage sein Leben selbständig zu meistern. Er hat Jahrzehnte schwerste körperliche Arbeit ertragen und nun führt jede kleinste Bewegung zu unglaublichen Schmerzen. Selbst tägliche Mahlzeiten sind eine Qual, da jeder einzelne Biss zu höllischen Schmerzen führt. Keine moderne Medizin oder Behandlung kann ihm zu dieser Zeit helfen und er ist verdammt ein Leben voller Qualen zu führen. So bleibt ihm nur ein einziger Ausweg: Sein Leben selbst zu beenden.

Diese dramatische Schilderung ist nur eine Interpretation der Ergebnisse einer freigelegten Bestattung im Umfeld der St. Martins Kirche in Eggolsheim (Landkreis Forchheim, Oberfranken) aus dem Frühjahr 2020, kann aber durchaus so stattgefunden haben. Doch welche Untersuchungsergebnisse können zu einer solchen Interpretation führen?

Die Bestattung
Während der Ausgrabung fand das Archäologenteam von IN TERRA VERITAS die ehemalige Friedhofsmauer aus dem Spätmittelalter, welche 1827 für den Neubau der Kirche abgebrochen wurde. Ungefähr einen Meter nördlich – und damit eindeutig außerhalb des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Friedhofsareals – stieß man auf eine Sonderbestattung eines erwachsenen Mannes. Im Gegensatz zu den anderen Bestatteten innerhalb des Friedhofs in geweihter Erde mit einem Sarg und allen für ein christliches Begräbnis notwendigen Umständen, wurde er lediglich in einer V-förmige Grube, wohl in ein Leichentuch gewickelt seitlich liegend verlocht.

Solche Bestattungen finden sich immer wieder im Umfeld von Friedhöfen. Dabei handelt es sich um Verstorbene, die zu Lebzeiten offenbar aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, weshalb ihnen eine reguläre Beerdigung verwehrt blieb. Dies traf zum Beispiel Verbrecher, Duellanten oder auch Ortsfremde, bei denen man nicht wissen konnte, ob sie ein christliches Begräbnis verdient hatten. Die gängigste Erklärung ist meist ein Suizid.

Die Untersuchung
Nach Ende der Ausgrabung und Bergung der Bestattung wurden die Knochen durch die Archäoanthropologin von IN TERRA VERITAS pathologisch untersucht. Sie konnte dabei feststellen, dass der Verstorbene wohl über 40 Jahre alt war und zu Lebzeiten sehr schwere körperliche Arbeit verrichtet haben muss. Dies ließ sich anhand der kräftig ausgeprägten Muskelansätze erkennen. Besonders interessant: Die Expertin konnte einen Abszess am rechten Eckzahn feststellen, sowie eine stark ausgeprägte Osteoporose an der Wirbelsäule und den Schultern. Dies muss zu Lebzeiten zu immensen Schmerzen schon bei geringsten Bewegungen geführt haben.

Wenn auch nicht mit letzter Sicherheit, so können diese Erkenntnisse zusammengenommen jedoch ein Erklärungsmodel formen: Der Mann beging aufgrund seiner gesundheitlichen Leiden Selbstmord, wurde so aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und deshalb außerhalb der Friedhofsmauer bestattet.

Lage der Bestattung außerhalb der Friedhofsmauer
Bestatteter Mann, auf der rechten Schulter liegend mit Blick nach Westen

Die Zeiten haben sich geändert
So oder so ist ein solches Schicksal in unserer heutigen Zeit nicht mehr zwangsläufig. Dank moderner Medizin, Behandlungsmethoden, Schmerz- oder Psychotherapien kann den Menschen heute geholfen werden. Und selbst in ausweglosen Situationen bietet unsere Gesellschaft Jedem Hilfe und Unterstützung an.

1) Diese Zeitangabe bezieht sich auf eine stratigraphische Datierung der Bestattung. Eine genauere Bestimmung ist aufgrund der fehlenden Grabbeigaben zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.
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