Zahnerkrankungen und Archäologie – Ein spannendes Fenster in die Vergangenheit

Unter vorgeschichtlichen Skelettfunden sind Zähne die oft am besten erhaltenen Bestandteile menschlicher Überreste und manchmal sogar die einzigen. Dies liegt an ihren besonderen Eigenschaften im Vergleich zum restlichen Skelett. Zähne, haben sie sich erstmal abschließend entwickelt, wachsen nicht mehr weiter oder heilen auch nicht. Dies bedeutet für die Anthropologie, dass nahezu alles was einem Menschen im Leben widerfahren ist, noch hunderte oder tausende Jahre später abgelesen werden kann. Außerdem sind Zähne die einzigen auffindbaren Überreste, die im Laufe eines Lebens mehr oder weniger ungeschützt waren. Daher bieten archäologische Erkenntnisse über Zähne einen einzigartigen Blick auf die Menschen der Vergangenheit.

Bei jungen Menschen bietet der Stand der Zahnentwicklung einen wichtigen Hinweis zur Altersbestimmung. Auch die Abnutzung der Zähne kann hierbei ein wichtiger Indikator sein. Allerdings spielt dies eher in der Zooarchäologie eine Rolle, da die Zahnabnutzung bei Menschen individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann und daher mit Vorsicht zu betrachten ist. Neben der Altersbestimmung können der Stand der Zahnentwicklung und Hinweise auf Zahnerkrankungen auch viel über individuelle Angewohnheiten, Krankheiten oder Ereignisse im Leben eines Menschen verraten. Zahnerkrankungen sind die am häufigsten festgestellten Krankheiten aus der Vergangenheit und sind somit ein wichtiges Werkzeug vorgeschichtliche Menschen und Völker zu verstehen.

Unter den Zahnerkrankungen, die anhand der Untersuchung des Gebisses eines Individuums festgestellt werden können, gibt es Infektionskrankheiten, wie Karies und Zahnstein, Stress-Marker, Mangelernährung, degenerative Erkrankungen, Verletzungen und Zahnausfall, ebenso wie kulturell bedingte Veränderungen und Umbildung der Zähne. Auch Krankheiten, wie zum Beispiel Lepra und Syphilis können Gründe für pathologische Zahnprobleme sein.

Karies
Eine Infektionskrankheit, speziell Karies, ist die vielleicht am häufigsten beobachtete Symptomatik, die sich durch Verfärbungen oder Löcher zeigt und einfach feststellbar ist. Bei Karies greifen Bakterien den Zahnbelag an, was zu Abszessen führen kann, die sich in Form von Löchern rund um die Zahnwurzeln und in den oberen und unteren Kieferknochen äußern. Die Archäologie hat herausgefunden, dass Zahnkaries mit der Urbanisierung zugenommen hat.

Unterkiefer mit Karies und Abszess am ersten rechten Backenzahn. Auch etwas Zahnstein ist erkennbar. (Quelle: White, Black & Folkens 2012)

Zahnstein
Zahnstein ist eine weitere häufig beobachtete Krankheit in vorgeschichtlichen Knochenfunden. Es handelt sich dabei um verkalkten Zahnbelag bestehend aus Mikroorganismen, der sich um die Zahnwurzeln ansammelt. Starker Zahnbelag kann zu einer Erkrankung der Wurzel führen, was in unserer heutigen Gesellschaft übrigens die häufigste Zahnerkrankung ist. In Knochenüberresten können Spuren von Zahnstein relativ einfach identifiziert werden, obgleich ein ungeschultes Auge diese leicht mit Schmutz oder Tonablagerungen verwechseln kann. Das ist einer der Gründe, warum bei der Ausgrabung, im Umgang und bei der Reinigung von menschlichen Schädeln und Zähnen besondere Vorsicht nötig ist.

Zahnausfall vor dem Tod
Zahnausfall ist eine ziemlich einfach nachzuweisende Symptomatik bei menschlichen Überresten, soweit der umgebende Knochen zur Untersuchung erhalten ist. Grund ist, dass Zahnverlust zu Lebzeiten nur durch den geheilten oder teilweise geheilten Kieferknochen an der Stelle der Zahnlücke festgestellt werden kann. Zahnausfall kann aus unterschiedlichen Gründen stattfinden, wie zum Beispiel durch Zahnfleischerkrankungen. Andere Gründe sind Verletzungen, hohes Alter oder absichtliche Zahnentfernungen. In jedem Fall kann Zahnausfall vor dem Tod nur dann nachgewiesen werden, wenn die Zahnhöhle zu heilen begonnen hat. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mit Sicherheit zu sagen, ob ein Zahn vor dem Tod ausgefallen ist. Daher ist der Zeitpunkt des Zahnausfalls schwierig zu bestimmen, wenn dieser kurz vor dem Tod ausgefallen war und der Knochen noch nicht begonnen hat zu heilen.

Schmelzhypoplasie
Während der Entwicklungs- bzw. Wachstumsphase von Skelett und Zähnen können verschiedene Faktoren dieses Wachstum stören, was schließlich Spuren auf den Knochen hinterlässt. Diese Spuren werden Stress-Marker genannt. Stress-Marker finden sich auf verschiedenen Teilen des Skeletts, eines davon ist das Gebiss. Hier werden die Marker Schmelzhypoplasie genannt, wobei es sich um einen pathologischen Schaden des Zahnschmelzes handelt. Dieser äußert sich in horizontalen Rillen auf der Oberfläche des Zahnschmelzes, die insbesondere auf den Schneidezähnen sichtbar sind. Diese Rillen können sich nur in der Entwicklungsphase der Zähne bilden und bleiben dann auch für immer. So entsteht eine langfristige Aufzeichnung von Belastungen während der Wachstumsphase im Leben eines Menschen. Die Belastungen, die Schmelzhypoplasie verursachen, können erbliche Störungen, lokale Verletzungen oder noch häufiger Belastungen des Stoffwechsels verursacht durch Mangelernährung oder Krankheit während der Kindheit sein.

Zahnabnutzung und kulturelle Veränderungen
Abnutzung und Verschleiß von Zähnen sind schon allein aufgrund ihres natürlichen Zwecks unvermeidlich. Dennoch sind Unregelmäßigkeiten bei der Abnutzung nicht ungewöhnlich und können aus einer Reihe verschiedener Gründe herrühren. Übermäßiges Beißen und Mahlen kann mit Nahrungsmangel verbunden sein, aber auch mit anderen Gewohnheiten. Die Abreibung durch andere Objekte kann in einigen Fällen mit sehr spezifischen Tätigkeiten in Verbindung stehen. Zum Beispiel kann das Rauchen einer Pfeife eine ganz spezielle Zahnabnutzung verursachen. Andere konkrete Abnutzungen können erfolgen, wenn die Zähne regelmäßig als ein Werkzeug benutzt werden. Das ist wahrscheinlich der häufigste Grund für unbeabsichtigten Zahnverschleiß. Viel seltener, aber durchaus beobachtet, sind vorsätzliche Abnutzungen wie Verformen, Einfärben oder zum Beispiel auch Perlen in die Zähne einsetzen.

Abnutzungsspuren durch Pfeifenrauchen. (Quelle: Klutting-Altmann 2007)

Die Archäologie kann durch die Untersuchung von Zähnen und Zahnerkrankungen viel erfahren.
Zum Beispiel können bei ausreichender Skelettanzahl Hungersnöte kleinräumig festgestellt werden, der Wandel in der Zusammensetzung der Nahrung einer Population über mehrere Jahrhunderte kann verfolgt werden, kulturelle oder technologische Wechsel, welche sich im Zahnbild niederschlagen, werden so erfahrbar.

Und da jeder Mensch einzigartig ist, kann die Wissenschaft immer etwas Neues über unsere Vorfahren lernen.

Literatur:
Buikstra & Ubelaker 1994 - Standards for data collection from human skeletal remains
Kluttig-Altmann 2007 – Knasterkopf, Band 19
Roberts & Manchester 2012 – The Archaeology of Disease
White, Black & Folkens 2012 – Human Bone Manual, Third Edition.

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