Kein Königreich ohne Pferd! (Teil 1)

Ohne zuverlässige Transportmittel kann eine Gesellschaft nicht funktionieren. Eine sichere Möglichkeit Gegenstände und Personen von A nach B zu bringen ist Grundlage dafür, dass Städte mit allem versorgt werden, was sie brauchen. Ebenso müssen Rohstoffe angeliefert werden, um neue Waren herzustellen, die dann wiederum an anderen Orten verkauft werden. Auch das Bewegen von landwirtschaftlichen Maschinen – zum Beispiel beim Pflügen und Ernten – ist eine Kernvoraussetzung, um eine Gesellschaft zu ernähren.

Heute übernehmen Maschinen und Motoren diese grundlegenden Arbeiten des Transports oder des Betriebs. In den vielen Jahrhunderten vor der flächendeckenden Einführung von motorbetriebenen Hilfsmitteln übernahmen Zugtiere diese Aufgabe. So war der Bedarf an Pferden für das Ziehen von Kutschen, Lastkarren, Pflügen und allen Arten von Wagen durchgängig gegeben. Dazu kamen noch die Pferde, die für militärische Zwecke als Packtiere, Zugtiere oder auch für berittene Truppen gebraucht wurden. Oder ein Beispiel aus der Wirtschaft: Allein die herzoglich-bayerischen Salinen von Reichenhall benötigten im ausgehenden Mittelalter 1.500 Pferde für ihren Fuhrpark. Dazu kamen noch die Gespanne der Salzhändler, die den Rohstoff in andere Länder transportierten [Hier ein interessanter Beitrag zum Thema Salz]. Wie konnte die mittelalterliche Gesellschaft die Versorgung mit dem essenziellen Transportmittel Pferd sicherstellen?
Reiterkrieger Stuttgarter Psalter, Unterschrift: drei Reiter aus dem Stuttgarter Psalter, 1.H.9.Jh. (Quelle: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart online, fol 23)

Staatliche Anordnung zur Zucht
Die ersten schriftlichen Anweisungen zur Pferdezucht finden sich im Capitulare de Villis vel curtis imperii [Weiterer Beitrag zum Thema "Capitulare de Villis"]. Hier wurde festgelegt, dass die lokalen Verwalter der königlichen Betriebe dafür sorgen sollten, die Zuchthengste untereinander auszutauschen, um die Zuchtqualität zu erhöhen. War ein Hengst zu alt bzw. nicht mehr für die Zucht geeignet oder verstorben, war dies vor der Zeit der Stutendeckung an die Amtsleute zu melden. Weiter sollten die männlichen Fohlen bis zum Tag des Heiligen Martin an die Pfalzen des Kaisers abgeführt werden. Der König bzw. Kaiser stellte also für sich, seinen Hofstaat und für alle Angehörigen des Staatsapparates eine gewisse Grundversorgung an Pferden sicher. Im Umkreis solcher Zentralorte finden sich heute in Ortsnamen immer wieder Hinweise auf solche königlichen Zuchtanlagen. In der Nähe von Bad Staffelstein erinnern etwa die beiden Orte Pferdsfeld (Erstnennung 802 als Hengesfelde = Hengstfeld) und 2 Kilometer weiter südwestlich Horsdorf (verwandt mit dem proto-westgermanischen Wort hross = Roß bzw. Pferd; Erstnennung im 13. Jahrhundert, aufgrund zahlreicher Befunde aus der Karolingerzeit vermutlich bereits im frühen Mittelalter gegründet).

Es wird angenommen, dass neben diesen staatlichen Pferdezuchteinrichtungen auch die gewöhnliche Landbevölkerung Pferde für den Eigenbedarf gezüchtet hat. Überproduktionen wurden dabei wohl dem regionalen Handel zugeführt, wie die zahlreichen Pferdemärkte im fortgeschrittenen Hoch- und Spätmittelalter nahelegen. Inwiefern die lokalen Züchtungen auch auf spezielle Körpereigenschaften der Tiere abzielten, lässt sich nicht für alle Regionen nachvollziehen.

Für die Pferde von berittenen Kämpfern lassen sich anhand jüngerer Untersuchungen und dem Abgleich mit zeitgenössischen Quellen einige Aussagen zum gewünschten Zuchtbild ableiten.

Die Reichsstadt Nürnberg hatte als Metropole des späten Mittelalters einen überdurchschnittlich hohen Bedarf an Pferden, der wohl nicht durch eigene Produktion bzw. die des Umlands gedeckt werden konnte. Bereits ab dem 14. Jahrhundert führten Nürnberger Fernkaufleute wie die Familien Stromer und Holzschuher deshalb bereits Pferde aus Ungarn ein, die mit den ebenfalls dort aufgekauften Viehherden nach Nürnberg gelangten und dort selbst verwendet oder weiterverkauft wurden [Beitrag zu den ungarischen Rindern in Nürnberg]. Die staatlichen Einrichtungen bestanden weiterhin und wurden sogar ausgebaut. Neben den kaiserlichen Landgestüten (z.B. bis 1456 in Cadolzburg), wurden auch von anderen Territorialherren Zuchtstationen eingerichtet. Die Bischöfe von Bamberg hatten gleich mehrere solche Einrichtungen, deren Verwaltung dem Bistum angeschlossene Institutionen übernahmen. Im Bamberger Stadtteil Wunderburg befand sich ein sogenannter Koppenhof, in dem im Auftrag des Bischofs Pferde in einer Koppel gehalten und gezüchtet wurden. Eine weitere solche Anlage fand sich in Wildensorg (Wilde = nicht zugerittene Stute). Das St. Antoniuskloster in Forchheim betreute den Koppenhof, der wie der Name schon sagt ebenfalls Pferde für das Kloster züchtete, welches diese dann zum Teil an das Bistum weitergab.
Der Koppenhof in der Bamberger Wunderburg. Ausschnitt aus dem „Zweidlerplan“ von 1602 (Staatsbibliothek Bamberg, V B 22/1-4, Foto: Gerald Raab)
Sowohl der gewöhnlichen Bevölkerung als auch den Herrschenden war die Bedeutung der Pferde für ihre Gesellschaft bewusst. Deshalb wurde stets großer Aufwand getrieben, die Tiere bestmöglich zu versorgen und zu erhalten. In einem weiteren Teil zu diesem Thema werden wir auf die Zeit nach dem Mittelalter eingehen und dort die ersten vollumfänglich nachvollziehbaren Zuchtstrategien der einzelnen Regionen beleuchten.

Literatur:
Dietmar Stutzer, "...das Erdreich gesegnet mit Garben, Zugvieh und Herden" – Eine kleine Geschichte der Nutztiere in Bayern, in: Haus der Bayerischen Geschichte (Hrsg.), Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 36, Unterhaching 2007.
Charles Gladitz: Horse Breeding in the medieval world, Bodmin 1997
Joseph Keßler,Pferde in und um Münchberg – Zucht und Nutzung von der Markgrafenzeit bis heute, in: Stadt Münchberg (Hrsg.): Beiträge zur Münchberger Stadtgeschichte Bd. 6, Münchberg, 2001.

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