Rosenkränze und die fünf Wunden Christi

Immer wieder tauchen bei Ausgrabungen in Kirchen und Friedhöfen Bestattungen auf. Um herauszufinden, aus welcher Zeit die Gräber stammen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Oft erschließt sich die Datierung durch die stratigrafischen Verhältnisse der Grabgruben zu weiteren Befunden, wie Baugruben, Mauern oder anderen Gräbern. Manchmal kann das Alter auch durch naturwissenschaftliche Analysen – wie Dendrochronologie oder Radiocarbondatierung – bestimmt werden. Häufig sind es aber die Grabbeigaben, die eine zeitliche Einordnung in eine bestimmte Epoche ermöglichen.
Besonders bei katholischen Bestattungen aus der Zeit zwischen dem ausgehenden 16. und dem frühen 19. Jahrhundert finden sich regelmäßig Beigaben mit religiösem Hintergrund. Das liegt in erster Linie daran, dass die Katholische Kirche während der Gegenreformation und in den nachfolgenden Jahrhunderten gezielt versuchte, ihre Anhänger mit kleinen, geweihten Gegenständen im Glauben zu bestärken. Dazu zählten beispielsweise Medaillen mit Heiligenbildnissen, Kruzifixe aller Art, Segensbriefe oder Rosenkränze. Außerdem erreichten solche Bilder und zeichenhaften Objekte ein viel breiteres Publikum, denn der Anteil an Analphabeten in der Bevölkerung war hoch und nur wenige verstanden die Kirchensprache. Die Messen wurden alle in Latein gehalten und auch die Gebete waren lateinisch, was bedeutete, dass sie formelhaft auswendig gelernt werden mussten.
Gerade beim Rosenkranzgebet konnten figürliche Anhänger dabei helfen, diese Sprachbarriere zu überwinden und den Inhalt zu veranschaulichen. Da sich in Erdgräbern sowohl Holzperlen als auch Fädelschnüre meist vollständig zersetzen, bleiben oft nur die robusteren Bestandteile solcher Gebetsketten übrig, wie Perlen bzw. Einhänger aus Bein. Dazu gehörten aus Perlen zusammengesetzte Kreuze, das sogenanntes Credo-Kreuz, und kleine Halbschalen aus Bein. Letztere dienten als Umfassung einer Markierungsperle und sorgten so für eine optische Abgrenzung innerhalb der Perlenreihe. Das ist typisch für Rosenkränze, da sie nach einer abwechselnden Gebetsabfolge mehrerer Ave Maria und Paternoster in sogenannte Gesätze zu jeweils 5-10 Perlen gegliedert sind. Zwischen diesen Gesätzen ist stets eine farblich oder gestalterisch auffällige Perle eingefügt. Dieses System war als praktische Zählhilfe gedacht und erleichterte den Gläubigen die Einhaltung der Gebetsabfolge.

Rosenkränze mit „Hand und Fuß"
In diesem Fall ist der Rosenkranz thematisch mit den Fünf-Wunden-Christi verbunden. Sie wurden durch geschnitzte Miniaturen von zwei Händen, zwei Füßen, einem gekerbten Zwischenstück für die drei Kreuznägel, einem kleinen Herz, dem Haupt Christi oder wahlweise auch einem Totenkopf versinnbildlicht, die zwischen den Gesätzen eingehängt waren. Die Rosenkranzperlen selbst sind nicht erhalten geblieben, da sie höchstwahrscheinlich aus Holz gefertigt waren und sich mit der Zeit im Erdreich vollständig zersetzt haben. Doch anhand der verbliebenen Anhänger lässt sich zumindest abschätzen, dass solche Rosenkränze aus mindestens fünf Gesätzen bestanden, mit insgesamt 25-50 Zählperlen für je ein Ave Maria und fünf Perlen für je ein Paternoster.

Kreuzperlen und Anhänger eines Fünf-Wunden-Christi-Rosenkranzes aus einem Grab des 17. oder 18. Jahrhunderts. (IN TERRA VERITAS)
Der Fund eines solchen Rosenkranztyps ist für die Archäologie heute sehr hilfreich, da er sich anhand von Vergleichsfunden und volkskundlichen Überlieferungen in das 17. bzw. 18. Jahrhundert datieren lässt. Auch das eingehängte Credo-Kreuz spricht für eine Datierung nach 1600, da die Ergänzung des Glaubensbekenntnisses (Credo) in dieser Form frühestens am Ende des 16. Jahrhunderts auftritt. Damit liefern solche Fundstücke handfeste Informationen zur zeitlichen Einordnung der jeweiligen Grablegen und gleichzeitig zur konfessionellen Zugehörigkeit der Bestatteten.
Erhaltene Reste eines Rosenkranzes aus einem neuzeitlichen Grab: geschnitzte Miniaturanhänger der Fünf-Wunden-Christi aus Bein. (IN TERRA VERITAS)

Literatur
P. Keller, Edelsteine, Himmelsschnüre. Rosenkränze & Gebetsketten (2008).
T. Mittelstraß, Zur Archäologie der christlichen Gebetskette. In: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 27/28, 1999/2000, 219-261.

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